Von Lea Fleischmann

JERUSALEM. – Viele Israelis haben Schwierigkeiten, sich mit den Opfern der Verfolgungen zu identifizieren. Ungläubig stehen Schulklassen vor den Photos in Yad Wäschern; anstatt des Gefühls von Mitleid überkommt sie ein Gefühl der Abwehr. Unfaßbar betrachten junge Soldaten die Dokumente ihrer Geschichte und können keinen Zusammenhang zwischen sich und den Bildern herstellen. Ihnen ist die Grundhaltung des Diasporajudentums verlorengegangen, nämlich das Leiden.

Seit zehn Jahren lebe ich in Israel, und das Leiden ist mir abhanden gekommen wie eine Wasserpfütze, die in der Sonne austrocknet. An die Stelle der Opferhaltung, des Jammerns, der Schwäche trat ein Gefühl von Nationalität, Zugehörigkeit und Liebe zu Israel und meiner Stadt Jerusalem. Zehn Jahre reichten aus, um aus einer kritischen, jüdischen, heimatlosen Intellektuellen eine engstirnige, verbohrte israelische Nationalistin zu machen.

Es begann damit, daß mich Terroranschläge palästinensischer Nationalisten auf die israelische Bevölkerung mehr aufregten als die Vergeltungsmaßnahmen von Seiten unseres Militärs. Und später regten mich die Vergeltungsmaßnahmen nicht mehr auf, sondern ich hieß sie gut. Ich begann, für Terroristen die Todesstrafe zu fordern. Es fiel mir auf, daß jeder israelische Soldat, der fällt oder verwundet wird, meiner Seele weh tut, während der Palästinenser, der für die Freiheit seines Volkes auf seine Weise kämpft und fällt, mir nicht nur gleichgültig ist, sondern ich ihn als Feind betrachte.

Den letzten Rest meiner Verwandlung erlebte ich im vergangenen Jahr, dem Jahr der Intifada. Sollte es zu einem Palästinenserstaat an unserer Seite kommen, dann nicht aufgrund unseres guten Willens, sondern aufgrund des palästinensischen Aufstandes, des palästinensischen Verhandlungsgeschicks und des amerikanischen und europäischen Drucks auf Israel. Aber um diesen Staat müssen die Palästinenser ringen. Die Intifada ist ihr Krieg. Jedes Volk kämpft mit seinen Waffen. Die Palästinenser haben ihre Jugendlichen und Frauen als Soldaten eingesetzt. Und sie haben das Glück, einen Gegner gefunden zu haben, der von moralischen Skrupeln zerrissen ist und sich nicht entscheiden kann, ihren Aufstand durch Gewalt niederzudrücken. Ich bin überzeugt, wenn die Palästinenser Waffen’ und wir Steine gehabt hätten, sie hätten erbarmungslos geschossen. Zahllos sind die Beispiele, die bezeugen, mit welcher Grausamkeit in der arabischen Welt Konflikte gelöst werden.

Warum wird Israels gewaltsames Vorgehen so viel mehr verurteilt als die Brutalität der umliegenden Völker? Warum regt ein israelischer Soldat, der einen palästinensischen Jugendlichen verprügelt, die Gemüter mehr auf als ein von moslemischen Fanatikern in die Luft gejagtes Auto in Beirut, in dessen Nähe Leichenteile von Umgekommenen verstreut sind? Der Grund liegt in der jüdischen Leidensgeschichte. Die Juden haben das Leiden und die Wehrlosigkeit für sich gepachtet. Jahrtausendelang ließen sich Juden von dem primitivsten Goi anspucken und sonnten sich in ihrer eigenen Schwäche. Diese Hilflosigkeit umgaben sie mit der Aura der Gewaltlosigkeit, der Verachtung physischer Kraft, der Ablehnung des Kampfes. Schwäche wurde mit Humanität verwechselt, Hilflosigkeit mit Toleranz und Leiden mit Auserwähltheit.

Dieses Denk- und Verhaltensmuster läßt sich in der Diaspora aufrechterhalten, in Israel jedoch nicht. Hier beanspruchen zwei Völker das gleiche Land. Passivität in Israel würde gleichbedeutend sein mit der Aufgabe des Landes. Wenn die Palästinenser uns heute mit Waffengewalt aus der Westbank vertreiben könnten, so würden sie morgen Tel-Aviv und Haifa beanspruchen.