Zwischen Kaiser-Wilhelm-Straße und Fuhlentwiete in der Hamburger Neustadt dümpelt der große Springer-Dampfer gelassen vor sich hin: ein mythisches Schiff aus uralter Zeit. Doch die Stille täuscht. Fiebrige Unruhe steigt seit den ersten Junitagen aus den Redaktionen, aus dem Mannschaftsdeck des Hamburger Abendblatts, aus dem Maschinenraum der Bild- Zeitung.

Denn von oben, von ganz oben, von der Brücke, aus der Kapitänssuite herab, war, so scheint es, dumpfes Grollen zu hören. „Gorbi! Gorbi!“, „Ein Kuß für Deutschland“, „Raissa, die Blume von Hamburg“ – so gehe das nun wirklich nicht, selbst wenn man, frei nach Luther, dem Volk stets nach der Schnauze schreibe. Das Schiff, es schwanke, es schlingere schon; Seelord Peter Tamm irrte mit dem Kompaß über Deck. Wo bleibt der Freund, wo steht der Feind? „Raissa: Wir müssen uns alle lieben“ – Wer hat das geschrieben? Schon funkt Bonn Alarm – deutsche Soldaten wollen nicht mehr, werfen ihre MGs ins Korn, zitieren Raissa, zitieren Gorbi, zitieren Bild und Abendblatt. Was tun?

Doch Rettung nahte: die Maxim Gorki. „Knirschen, dumpfer Schlag, dann heulten die Sirenen“. Ja, ruft’s von der Brücke herab, endlich wieder Kurs. Ja, nix Marx, nix Gorbi – Maxim Gorki: So ist der Russe wirklich! Tapfere deutsche Menschen, von denen sicherlich mancher einst noch in den Vororten von Moskau die deutsche Heimat verteidigt hat – „Volle Pulle ins Packeis“ geschleudert! (Abendblatt: „Mannschaft angetrunken?“) Arme deutsche Rentner auf Eisschollen ausgesetzt – „Was dachte sich der Russen-Kapitän?“ Und Bild malt gleich das Bild dazu: Flüchtlinge, den schlotternden Leib in dürftige Decken gehüllt, mitten in der grauen, grausigen Polarnacht! Im Hintergrund die Wilhelm Gustloff, äh, die Maxim Gorki: „Russische Matrosen hoben mich hoch – wie Spielzeug.“ Von wegen „Raissa: Guglhupf bei Frau Götz auf dem Sofa“! – „Eine 69jährige Berlinerin (!) unter Tränen: ‚Alles, was ich noch habe, ist mein Nerz.‘“ Ja, das kommt dorvon („Gorbi! Gorbi!“), wenn man sich den Russen hingibt.

Wunderbar, endlich stimmt die Richtung wieder; Seelord Peter läßt sich vom Steuerrad losbinden; die Hardthöhe atmet auf. Gerade noch mal gutgegangen. Oder wie Bild so unübertrefflich titelte: „Danke, lieber Gott!“ Finis