Von Wolfgang Eschker

Frohe Kunde verbreitete sich im christlichen Abendland: Der türkische Sultan Murad I. sei auf dem Amselfeld gefallen, sein Heer von den Serben besiegt worden. Als die Nachricht Paris ereilt hatte, ließ König Karl VI. von Frankreich eine feierliche Prozession ansetzen und von Notre-Dame die Siegesglocken läuten. In dieser Woche, auf den Tag 600 Jahre nach der Schlacht, sollen eine Million Serben auf das Amselfeld pilgern, zum Gedenken nicht an einen Sieg – jene Nachricht war falsch –, sondern an eine der schrecklichsten und folgenreichsten Niederlagen der serbischen Geschichte.

Die jüngsten Unruhen im jugoslawischen Kosovo, der nationalistische Streit zwischen Serben und Albanern, lassen sich ohne jene Niederlage auf dem Amselfeld gar nicht erklären, und deren Bedeutung wiederum erschließt sich dem Mitteleuropäer erst mit einem Rückblick auf die mittelalterliche Geschichte der Balkanvölker.

Im Jahre 1171 war es dem serbischen Groß-Župan, dem Stammesfürsten Stefan Nemanja, gelungen, die beiden altserbischen Kernlandschaften zu vereinigen: die Zeta, etwa das Gebiet des heutigen Montenegro, und die Raška, zwischen den Flüssen Lim und Morava in der Gegend um die heutige Stadt Novi Pazar gelegen. So entstand der erste serbische Staat.

Dank einer klugen Führung, einer geschickten Diplomatie und einer erfolgreichen Kriegführung konnten die folgenden Herrscher dieser Nemanjiden-Dynastie Bestand und Ansehen ihres Staates nicht nur wahren, sondern mehren: Serbien schüttelte zunächst die byzantinische Oberhoheit ab; im Jahre 1217 wurde es mit der Verleihung der Königskrone an Stefan II. durch den päpstlichen Gesandten völkerrechtlich anerkannt; kurz darauf wird die autokephale serbische Nationalkirche gegründet. Ihr erster Metropolit wird der Mönch Sava, ein Bruder des Königs, der nachmalige Heilige und Schutzpatron Serbiens. Und 1346 wird die Metropolie in Peć Patriarchat.

Somit hat Serbien eine starke Mittelstellung zwischen Ost und West erreicht. Rund 750 Jahre später, unter veränderten weltpolitischen Konstellationen, war es Marschall Josef Broz-Tito, der ähnlich geschickt wie damals König Stefan der Erstgekrönte und sein Mönchsbruder Sava die Lage seines Landes zwischen Ost und West für die politischen und wirtschaftlichen Interessen der südslawischen Völker zu nutzen verstand.

Der mittelalterliche serbische Staat erlebte seine größte Ausdehnung und zugleich seine Blütezeit unter Stefan Dušan dem Großen (1331-1355): Am 16. April 1346 ließ er sich in Skopje zum „Zaren der Serben und Griechen“ krönen. Seine erfolgreichen Eroberungszüge bestritt er mehr und mehr mit Söldnern aus dem Westen, darunter eine Elitetruppe von 300 Deutschen unter Ritter Palman, der dem Zaren – auch als Kommandant der Leibgarde – bis zu dessen Tode diente.