Der alte Mann „hat das 20. Jahrhundert durchquert, getrieben vom Wind der Geschichte. Er hat alle Kriege, die er filmte, überlebt“ – den Spanischen Bürgerkrieg, den japanischen Einfall in China, den Krieg im Pazifik, den Vietnamkrieg – „er hat seine Freunde für ihre Ideen sterben sehen, die Völker sich erheben, und er hat gesehen, wie die revolutionären Führer zu Despoten wurden.“ Der alte Mann: Joris Ivens. „Mehr als einmal hat ihn der Wind an die Wand gedrückt.“ Der Text im Vorspann: resigniert und milde. „Im Alter von neunzig Jahren regt sich ein anderer Wind.“ Und Joris Ivens, geboren 1898 in Nimwegen, der älteste filmische Chronist des zwanzigsten Jahrhunderts, macht sich auf den Weg nach China, auf der Spur der versteinerten Revolution, auf der Suche nach einer Geschichte über den Wind.

Was er findet, ist Poesie. Die verbrauchte, konventionelle Poesie der Kulturgüter, der chinesischen Mauer, der steinernen Götzen, des Statutengrabs von Xian. Die exotische Poesie der Landschaften, der Touristenattraktionen. Schließlich die Poesie der Wüste, der großen Leere. Dort stellt er seine Mikrophone auf und wartet auf den Wind. Eine Zauberin beschwört ihn mit einem Schriftzeichen. Da beginnt es zu wehen. „Warte, ich gebe dir mein Asthma zurück... wenn ich will, kann ich dich aufhalten.“

Die Masken, die Mauern, die Statuen: Ivens ist unfrei in diesem Land, gefangen in seinem Traum von China. Seit sechzig Jahren hat er Dokumentarfilme gedreht, darunter einige der besten, die es überhaupt gibt: über Brücken, Fabriken, Bergwerke, den Regen, den Wind, den Krieg. „Eine Geschichte über den Wind“ ist nur ein Fernsehfeuilleton. Überall Reminiszenzen: an Méliès, an Eisenstein, an sich selbst. Das ist rührend und schön, aber auch harmlos. Ein Film über China sei dazu verurteilt, schon nach einem Jahr veraltet zu sein, sagt Ivens. Wie wahr. Viel zu spät kommt dieser Film in unsere Kinos. Oder viel zu früh. Andreas Kilb