Von Jelena Hahl

Die erste Einzelausstellung Kandinskys in seinem Heimatland fand – nach sechzig Jahren Verfemung als abstrakter Künstler – in diesem Frühjahr in Moskau statt. Täglich kamen 3000 Besucher. Nun ist sie, von der Tretjakov-Galerie organisiert, auch in der Frankfurter Schirn Kunsthalle zu sehen. Zwar konnte man 1984 in Berlin die Kandinsky-Ausstellung „Russische Zeit und Bauhausjahre 1915-1933“ sehen, 1984 und 1985 eine große Gesamtschau, 1985 das Spätwerk in Paris und 1987 „Der Blaue Reiter“ in Bern. Dennoch ist die Frankfurter Ausstellung ein Ereignis wirklich besonderer Art. Neben Leihgaben der drei großen westlichen Sammlungen (Lenbachhaus in München, Centre Pompidou in Paris und Guggenheim Museum in New York) sind es natürlich die Bilder aus Moskau, Leningrad und vor allem Tbilissi, Tula, Omsk, Wladiwostok und aus sowjetischen Privatsammlungen, die für Aufsehen sorgen. Bilder, die quasi noch nie zu sehen waren. Experten aus Ost und West standen bei der Eröffnung davor und diskutierten endlos. Noch nicht einmal über die Echtheit einiger Bilder konnten sie sich einigen; denn auch in den sozialistischen Ländern wird eifrig gefälscht. Aufsätze kontroversen Inhalts sind demnächst zu erwarten, und spannende Polemiken werden für Aufregung sorgen im stillen Reich der Kunsthistoriker.

Es ist eine ungewöhnlich schöne Ausstellung: Die Ölgemälde sind großzügig und in optimalem Ober- und Seitenlicht gehängt, die ganze Fensterfront konnte erfreulicherweise diesesmal offenbleiben. Unsere Begeisterung ist riesig: Nach der Malewitsch-Gemeinschaftsproduktion zwischen Amsterdam, Moskau und Leningrad ist dies der zweite wichtige Beweis einer kulturellen Öffnung. Bald wird es also nicht einen Kandinsky/West und einen Kandinsky/Ost mehr geben, sondern endlich den vollständigen und, nun ja, wahren Kandinsky. Und Absurditäten wie die von der Witwe Nina befürwortete Neuübersetzung seines Buches „Über das Geistige in der Kunst“ ins Russische (erschienen in New York 1967, nur weil man nichts von der Publikation von 1914 wußte) werden nicht mehr vorkommen. Hoffentlich.

Zwei Sensationen bringt die Ausstellung: das erste nachweisbare Ölbild des Künstlers und sein erstes abstraktes Gemälde von 1911. Beide galten über ein halbes Jahrhundert als verschollen. Für die Kandinsky-Forschung neu: Der Künstler hat sein erstes Ölbild, „Odessa Hafen“, schon 1898 ausgestellt, im selben Jahr also, als er bei der Aufnahmeprüfung an der Münchner Kunstakademie durchfiel (wie er selbst freimütig in seinen „Rückblicken“ zugibt), und anderthalb Jahre, nachdem er sein Kunststudium überhaupt begonnen hat. Ein Ausstellungskatalog ist gefunden worden. Und nun erscheint Kandinskys Selbstbewußtsein, bereits 1901 einen eigenen Kunstverein mit Malschule zu gründen (die „Phalanx“ in München), etwas verständlicher.

Das historisch wichtigste Werk der Ausstellung aber ist das erste abstrakte Ölgemälde „Bild mit Kreis“ von 1911. Der Kandinsky-Forscher Hans Konrad Roethel hatte es für den Werkkatalog jahrelang gesucht und schließlich als verschollen aufgegeben. Während man sich über das „erste abstrakte Aquarell“ immer noch streitet (nämlich ob es 1910 oder erst 1913 entstanden ist), hielt Roethel das Ölgemälde von 1911 für einen so bedeutenden Wendepunkt in Kandinskys Entwicklung, daß er seiner Entstehungsgeschichte einen eigenen Aufsatz gewidmet hat – leider nur nach einem schlechten Schwarzweißphoto aus Kandinskys Nachlaß. Niemand aus dem Westen hat dieses ihm so wichtige „Bild mit Kreis“ je gesehen, niemand konnte ahnen, daß es all die Jahre im Depot des Museums von Tbilissi verborgen war. Seinen Farben nach ist es ein freudiges Bild; es überwiegen helle Töne, gelb, weiß, rosa bis rot; hell- bis mittelblau, türkis und grün. Seinen Formen nach ist es für seine Größe und für Kandinskys Verhältnisse ziemlich „leer“; wirklich strukturiert ist nur das oberste Bildviertel. Es fehlen vollkommen die sonst in Kandinskys frühen abstrakten Arbeiten oft noch erkennbaren gegenständlichen „Reste“. Eine Sensation fehlt, glücklicherweise in der Ausstellung: die „Komposition 7“, die nicht mehr transportfähig ist. Daß man die „Komposition 6“ statt dessen in letzter Minute zur Turiner Ausstellung russischer Kunst geschickt hat, ist um so bedauerlicher.

In dieser Ausstellung muß man die Augen aufmachen und selbst schauen, der Katalog hilft einem nicht. Er ist zwar gut gemacht und hat viele Farbabbildungen, bringt auch eine Menge Hintergrundinformationen und Theorie; aber kein einziges Bild der Ausstellung wird gründlich kommentiert. Der Katalog bringt es fertig, dem Fachmann zuwenig und gleichzeitig dem Laien zuviel zu bieten. Aus der Sowjetunion kommen zwar neue Informationen zum Beispiel über Kandinskys kulturpolitische Aktivitäten in der Zeit des großen Aufbruchs nach der Revolution, die dann aber gleich in mehreren Variationen. Andererseits aber enthält er Texte, deren Autoren so tun, als sei noch nie etwas über diesen Künstler geschrieben worden. Für den russischen Katalog war das sinnvoll, das dortige Publikum kennt den Künstler kaum; für den Westen und besonders Deutschland geht das nicht.

Kein Katalog-Beitrag, der nicht übersetzt wäre; was weder zur Klarheit noch zur Lebendigkeit beiträgt. Auch inhaltlich kein bißchen Brisanz; und keine Weiterführung der Diskussion der Kataloge der letzten bedeutenden Kandinsky-Ausstellungen. Dafür ist dann aber die halbe Kandinsky-Monographie von John Bowlt übersetzt, die uns seit zehn Jahren vertraut ist.