Von Ulrich Greiner

Etwas zu spät waren wir, die Dolmetscherin und ich, waren zu Fuß gegangen, weil Taxis hier in Frunse, der Hauptstadt Kirgisiens, nicht leicht zu kriegen waren, liefen im Sturmschritt über den menschenleeren Platz, den die Imponierarchitektur der Regierungsgebäude umsäumte, liefen vorbei am gewaltigen Marmorblock des Leninmuseums, erreichten schließlich das Außenministerium und zögerten. War es möglich, daß Tschingis Aitmatow uns hier erwartete, in diesem finsteren Amtsgebäude offenbar stalinistischer Herkunft? Wir liefen durch Korridore, Innenhöfe, Treppenhäuser, Seitentrakte, kamen in ein Vorzimmer, von dort in das nächste Vorzimmer, zwei Schreibtische, ein paar Besucherstühle, die Wände holzgetäfelt, der Sekretär, ein junger Kirgise, begrüßte uns, wir waren zu spät, aber Tschingis Aitmatow noch nicht da.

Aufatmend nahmen wir Platz. Ein weiterer Kirgise, offenbar der andere Sekretär, trat ein, setzte sich an seinen leeren Schreibtisch. Ein dritter Kirgise, ein älterer Mann von imponierender Statur, trat ein. Aitmatow? Ich stand auf. Mit einer unwirschen Handbewegung wedelte er mich auf meinen Platz. Nein, es war offenbar der Bürochef. Die Zeit verging.

Was hatte ich erwartet? Daß Tschingis Aitmatow und ich auf Teppichen in einer Jurte sitzen würden, bei loderndem Feuer, eine Tasse Tee in den Händen? Hinter Frunse ragen die ungeheuren Berge des Ala Too weiß in den Himmel. Dort reitet der Hirte Tanabai auf seinem schnellen Pferd Gülsary; so war es in "Abschied von Gülsary". Und drunten in Sary Ösek, in der glühendheißen Steppe, verrichtet unermüdlich Edige auf der Ausweichstation seinen Dienst, reitet auf seinem schnellen Kamel Schneesturm-Karanar; so war es in dem Roman "Ein Tag länger als das Leben". Und droben auf dem Issyk Kul, jenem Meer zwischen 5000 Meter hohen Bergen, fährt ein weißes Dampfschiff, und ein kleiner Junge sitzt auf dem Berg und betrachtet durch das Fernrohr, das dem Großvater gehört, den See und das Schiff, denn sein Vater ist Kapitän. So war es in der Erzählung "Der weiße Dampfer".

So erzählt Tschingis Aitmatow. Märchen aus abenteuerlichen Fernen und archaischen Vergangenheiten erzählt er. Die Namen klingen wie aus Tausendundeiner Nacht, und die Natur, die Aitmatow voller Inbrunst schildert, spricht wie ein vielstimmiger Chor, der die Menschen davor warnt, jenen Kosmos zu zerstören, der ihr Leben ist. Denn Aitmatow erzählt keine Märchen. Der kleine Junge ist einsam, sein Vater will nichts von ihm wissen. Und Edige reitet auf Karanar nicht zum Vergnügen, sondern um den alten Kasangap zu bestatten, aber der Friedhof ist militärisches Sperrgebiet der Sowjetarmee. Und Tanabai verliert seinen Gülsary an die Kolchose. Er kritisiert Willkür und Mißwirtschaft, er wird aus der Partei ausgeschlossen. Auch das erzählt Aitmatow. Sein Thema ist der gewaltige und gewalttätige Einbruch der Modernität in die alte Welt.

Als Kind verbrachte Aitmatow die Sommermonate im Gebirge, mit den Hirten in der Jurte. Jetzt ist er 61 Jahre alt, und die Kirgisen sind keine Nomaden mehr. Sie leben in Städten, arbeiten in Fabriken wie andere Menschen auch. Auf dem Basar in Frunse trank ich Kumys, die Stutenmilch, aber die Straßen der Stadt sind voll von Bussen und Lkws, und Pferde sah ich keine. Aitmatow reitet nicht mehr. Jetzt ist er Vorsitzender des kirgisischen Schriftstellerverbandes und als solcher eine politische Person hohen Ranges. Er ist der Literaturminister.

Die Tür öffnet sich, und ein weiterer Kirgise tritt ein. Er ist etwa sechzig Jahre alt, trägt Anzug mit Weste und Krawatte, seine Bewegungen sind bedächtig und würdevoll, sein Schritt trägt die Last einer Verantwortung, sein Gesicht wirkt ernst und irgendwie zerstreut. Er gibt mir die Hand, wechselt mit den Sekretären ein paar kirgisische Sätze, öffnet die Tür zu einem mittelgroßen, mit dunklem Holz getäfelten Saal, an dessen Ende ein breiter Schreibtisch steht. Zu dem geht Aitmatow hin, blättert in neu eingegangenen Briefen, Bittschriften und Manuskripten, nimmt schließlich am Kopfende eines langen, von einem Dutzend roter Samtstühle umrahmten Konferenztisches aus dunkel glänzendem Edelholz Platz, weist mich und die Dolmetscherin an seine Seite. Das Interview kann beginnen.