Von Johannes Groschupf

Wer kennt schon Aue, Delme, Hase und Hunte? Es sind keine Städte, keine Berge und keine Autobahnraststätten. Es sind vergleichsweise unbedeutende Flüsse und Bäche. Auf den Landkarten sind sie, wenn überhaupt, als dünne blaue Linien zu finden, und wer nicht in ihrer Nähe wohnt, kennt sie nicht. Doch seit Jahrtausenden schon fließen sie auf gewohnten Wegen durch die Landschaft, anfangs noch schmal, dann dahintrudelnd und gemächlich strömend im breiten Bett, zuweilen abwartend dümpelnd, dann wieder strudelnd verspielt. Hier und da nehmen sie kleinere Bäche auf, schließlich verlieren sie sich in größeren Flüssen und zuletzt im Meer.

Die Wege der Hunte wollte ich verfolgen und ihren Ursprung finden. Meine Kenntnisse waren spärlich. "Der größte linke Nebenfluß der Weser", las ich in einschlägigen Büchern und war damit in einer Gegend gelandet, die mir seit jeher ein leichtes Unbehagen eingeflößt hatte: das Oldenburger Münsterland, eine Einöde zwischen Geest und Moor unter dem niedrigen niedersächsischen Himmel. Nur wenige Städtchen hocken hier auf morastigem Boden, Diepholz, Lohne und Vechta, Wildeshausen, Oldenburg und Brake, verstreut liegen dazwischen Dörfer und Gehöfte.

Die Hunte durchquert dieses Gebiet, ohne großes Aufsehen zu erregen. Ein alter Heimatkundler aus Hannover hatte mir Ratschläge gegeben. Bei Melle sei die Quelle und so verließ ich kurz vor Osnabrück die Autobahn, als sich der Abend über gelbe Rapsfelder und grüne Wiesen senkte.

Nun unterschätze aber niemand die Schwierigkeiten, eine Flußquelle zu finden, die weder dramatisch einem Felsgestein entspringt, noch beschaulich in einem See nistet. Die Huntequelle ist hier offenbar kein Thema: kein Hinweisschild auf den Straßen, die Landkarte mit sorgsam vagen Umrissen. Eine befragte ältere Dame äußerte schroff: "Hier entspringen keine Hunde, junger Mann."

In Bad Essen, einem herausgeputzten Städtchen mit idyllischen Fachwerkhäusern, Solequellen und Wandersleuten, die von hier aus mit kurzen Hosen und strammen Waden das Wiehengebirge erobern, in Bad Essen also suchte ich professionellen Rat. Das Fräulein in der Touristeninformation beschied mir schnippisch: "Die Hunte entspringt bei Minden." Meine aufgeregten Einwände wischte sie kühl beiseite, "so wichtig ist die Huntequelle auch nicht, wir haben hier wunderschöne Wanderwege durch Wiesen und Wälder".

Ich fing einige Wanderer ab, die vom "Hase-Hunte-Else-Weg" durch das Gebirge zurückkehrten, aber aus ihren erschöpften Schilderungen zu schließen, hatten auch sie keine Quelle gesehen. Über Hüsede und Barckhausen schlug ich mich durch, entschlossen, die Hunte höchstpersönlich gegen den Lauf zu verfolgen.