Von Gunhild Freese

Einem Umweltpolitiker würden die folgenden Worte gut anstehen: "Auch unsere Kinder und Enkel sollen unsere Welt noch mit all ihren Arten erleben. Das Ausmaß der Umweltbelastung ist noch immer nicht so drastisch dargestellt worden, wie es ist."

Der Mann, der dieses dem Magazin stern jüngst in einem Interview zu Protokoll gab, ist allerdings kein Politiker. Erivan Karl Haub ist Einzelhändler, und sein Unternehmen, die Mülheimer Tengelmann-Gruppe, gehört zu den größten Handelskonzernen in der Bundesrepublik und weltweit. Der Umweltschutz ist für ihn mehr als eine imagefördernde Parole: Neben Stiftungen und Spenden für eine bessere Umwelt versucht der Mann von Tengelmann auch in seinen Läden die Verbraucher auf mehr Umweltschutz einzuschwören.

Als einer der ersten Händler verbannte er phosphathaltige Waschmittel aus den Regalen und verhalf so den phosphatfreien Pulvern zu einem schnelleren Durchbruch am Markt. Er strich Schildkrötensuppen und Froschschenkel aus dem Sortiment und boykottierte seit Jahresbeginn isländische Fischereiprodukte aus Protest gegen den Walfang dort. Spraydosen mit umweltschädlichem Treibgas wurden ebenso aus dem Angebot verbannt wie Cola-Kunststoffflaschen. Und als nächstes müssen die Produzenten von quecksilberhaltigen Batterien um einen wichtigen Absatzmarkt fürchten. Als einer der ersten Lebensmittelhändler ließ er Mitte der achtziger Jahre angeschlossene Tankstellen mit bleifreiem Benzin ausrüsten. Seine Fahrer verdonnerte er rigoros zu einem umweltfreundlicheren Tempolimit.

Im Moment freilich macht Erivan Haub, der es zum Ärger der Konkurrenz nicht versäumt, seine Umweltaktivitäten den Kunden auch nachhaltig per Werbung nahezubringen, auf einem ganz anderen Gebiet Schlagzeilen. Gerade versucht er nämlich, Englands drittgrößten Lebensmittelhändler, die Gateway-Gruppe in Bristol, unter seine Kontrolle zu bringen. Gelingt ihm der Coup, dann könnte Haub seiner 35 Milliarden Umsatz starken Handelsgruppe weitere 13 Milliarden Mark hinzuaddieren – ein Handelsgigant ohnegleichen.

Schlagzeilen zu machen ist freilich Haubs Sache nicht. Bei wem sie eigentlich Kunden sind, wenn sie bei Kaiser’s Wurst und Käse kaufen, bei Tengelmann ihr Gemüse, bei Plus ihre Konserven und bei Obi Hammer und Nägel, das wissen wohl nur die wenigsten Verbraucher. Und nicht einmal der Name Tengelmann deutet auf Gründer oder Eigentümer hin: Als das Unternehmen vor 122 Jahren gegründet wurde, ließen die Brüder Wilhelm und Karl Schmitz-Scholl den Namen ihres Prokuristen Tengelmann als Firma eintragen. Auch Erivan Karl Haub zieht es vor, im Hintergrund zu bleiben. In aller Stille hat er, der seit 1969 das Familienunternehmen in vierter Generation führt, Tengelmann vom regionalen Lebensmittelladen zum weitverzweigten Handelskonzern ausgebaut, der noch in Holland, Österreich und USA engagiert ist (siehe Graphik: Die Tengelmann-Gruppe).

Ein Konzern freilich im herkömmlichen Sinn ist Haubs Firmengruppe nicht. Erstmals für 1989 soll eine Weltbilanz vorgelegt werden. Und noch immer steht Tengelmann als offene Handelsgesellschaft im Register, als allein geschäftsführender Gesellschafter haftet Haub folglich mit all seinem Hab und Gut. An der gewaltigen Expansion hat ihn das jedoch nie gehindert. Seine nationalen und internationalen Investitionen hat er stets aus eigener Kraft finanziert. Kritische Worte in Richtung etlicher seiner heimischen Konkurrenten, die mit Hilfe von Banken ihre Milliarden-Konzerne zusammenbauten, gelten mindestens ebenso den Banken, die den Kaufrausch der Konzerne zu "Wahnsinnspreisen" überhaupt erst ermöglichten.