Von Christian Schmidt-Häuer

Der große Klotz des Instituts drüben in Buda lag noch verdächtig still im kaum erwachten Morgen. Nein, natürlich sei niemand im Hause um diese Zeit, murrte der Pförtner. "Aber wenn Sie mit Herrn Nyers verabredet sind, ich will Sie nicht hindern, gehen Sie nach oben, überzeugen Sie sich selbst, Sie können auch dort warten." Die Etage lag leer und still. Nach einer Weile kam ein schmächtiger Mann mit einer alten Aktentasche, grüßte freundlich, kramte seinen Büroschlüssel hervor und öffnete die Türen mit der Routine eines auf Frühschichten eingeschworenen Buchhalters. "Mit dem Kaffee muß ich Sie noch ein wenig vertrösten, meine Mitarbeiterin kommt etwas später", sagte er, entschuldigend auf den kargen Vorzimmer-Schreibtisch weisend, "aber mit dem frühen Termin haben wir mehr Gesprächszeit und Ruhe gewonnen."

Rezsö Nyers, dem Vater der ersten ungarischen Wirtschaftsreform von 1968, dem hochrangigsten Funktionär der sozialistischen Welt, der je vom politischen Abstellgleis an die Spitze der Partei zurückkehren konnte, ist nichts so fremd wie die Macht und die Herrlichkeit ihrer Insignien: Vorzimmer-Imperien, Sonderläden, VIP-Behandlung auf Flugplätzen. Daran wird auch die Tatsache nichts ändern, daß die ungarischen Kommunisten ihn Ende vergangener Woche de facto an die Spitze der Partei gestellt haben. In dem erst vor gut einem Jahr zur Abfindung von János Kádár geschaffenen Amt des Parteipräsidenten soll Nyers mit neuen Vollmachten das bewerkstelligen, wozu der an seinen alten, klassenkämpferischen Denkschablonen gescheiterte Generalsekretär Károly Grosz keine Vertrauensgrundlage mehr besaß.

Nyers, die Symbolfigur der Integrität inmitten eines desintegrierten und diskreditierten Systems, soll die Ungarische Sozialistische Arbeiterpartei (USAP) davor bewahren, daß sie beim rasant gesteigerten Reformtempo auseinanderfällt. Er ist gleichzeitig beauftragt, mit den neu erstandenen Parteien und oppositionellen Gruppierungen den Übergang vom Einparteiensystem zur repräsentativen Demokratie mit freien Wahlen im kommenden Juni auszuhandeln.

Wenn der 66jährige Vertrauensmann der Reformer jetzt noch die Zeit findet, so wird er wohl auch künftig klein, unauffällig und oft unerkannt neben den Nachbarn beim Einkauf stehen. So hatte er es schon als Mittvierziger gehalten, nachdem er kometenhaft zum Politbüromitglied und ZK-Sekretär aufgestiegen war; so blieb er – verbindlich und unverbittert –, als Kádár und die Kreml-Führung ihn Mitte der siebziger Jahre als Institutsleiter in die Akademie der Wissenschaften abschoben. Ohne jedes Aufheben kehrte der inzwischen zum Witwer gewordene Ökonom auch vor dreizehn Monaten in das höchste Führungsgremium zurück.

"Meine Rolle möge die eines Integrators sein", umriß Nyers zu Beginn dieser Woche sein Programm gegenüber dem Parteiorgan Nepszabadsdg. Die Partei müsse eine politische Mitte findep, von der aus sie ihr altes Konzept des Sozialismus restlos ausmustern könne. So werde Ungarn zum ersten sozialistischen Land, daß die westlichen Vorstellungen von Freiheit als universelle Werte anerkenne. Keine Frage: Ohne ein solches Konzept könnten Ungarns Kommunisten den Husarenritt zum Mehrparteiensystem und zu freien Wahlen, die sie auch noch gewinnen wollen, gar nicht wagen. Keine Frage aber auch: Es gibt keinen selbstloseren, wegkundigeren, die Sicherheitsrisiken verläßlicher abwägenden Politiker, der Ungarn über diese Brücke aus der Tiefebene einer vierzigjährigen kommunistischen Alleinherrschaft führen könnte als Nyers.

Wie kommt es aber, daß die Magyaren, die eher die Schillernden und die Zauberwürfel-Erfinder, die Extrovertierten und die Eloquenten zu ihren besten Söhnen zählen, doch den skrupelhaft-soliden Ökonomen nie als einen Hoffnungsträger aus den Augen verloren haben? Der tiefere Grund liegt wohl darin, daß ein großer Teil dieses Volkes, das nie müde geworden ist, sich aufzureiben und wundzuscheuern, trotz aller zugespitzten Stimmungslagen und zynischen Verbitterungen ahnt, daß auch in der Zerreißprobe der Selbstbefreiung nichts ohne Kompromisse geht.