Insofern ist bereits das jetzt gebildete Gespann des vorwärtsstürmenden Vollblutpolitikers Pozsgay – den die Partei als ihren Kandidaten für das noch konstitutionell zu verankernde Amt des Staatspräsidenten präsentiert hat – und des gewissenhaften Staatsdieners Nyers ein fürs erste optimaler Kompromiß. Er spricht für die noch verbliebenen Selbsterhaltungskräfte der Partei.

Der zweite glückliche Kompromiß, der viele anzieht, liegt in der Persönlichkeit des Ökonomen begründet. Was Nyers trotz aller bitteren Erfahrungen immer wieder gewinnen läßt, ist eben nicht der "Zauber des müden Kompromisses" im stets "gerade vergangenen Augenblick", den der Dramatiker Julius Hay einst (und prophetisch) Jänos Kádár nachsagte. Es ist vielmehr die Kraft seiner unermüdlich nach gestaltendem Wandel strebenden Kompromisse, die den eher zerbrechlich als zäh wirkenden Parteipräsidenten so widerstandsfähig gemacht hat.

Wann immer ich Rezsö Nyers im Auf und Ab der ungarischen Reformen und seines eigenen Weges getroffen habe: Nie bin ich einem Politiker begegnet, der so viel Demut mit so wenig Resignation verband, der mit so viel Loyalität zugleich so unverblümt der Realität das Wort redete.

Der Junge aus einem Budapester Arbeitervorort ist nie ein elitärer Gesinnungsgenosse, sondern von früh an ein Praktiker der Arbeiterbewegung gewesen. Er lernte im Druckergewerbe, das in Ungarn stets die gebildetsten Arbeiter hervorgebracht hat. Mit siebzehn Jahren, 1940, trat er in die sozialdemokratische Partei ein, gehörte also nicht zu jener autoritären Mehrheit seiner Landsleute, die eine ungarische Hegemonie über Ostmitteleuropa an der Seite Hitler-Deutschlands anstrebten. Als später die sowjetische Hegemonie kam und die Sozialdemokraten von den Kommunisten aufgesogen wurden, blieb Nyers dabei. "Das heißt also, ich bin nie in die kommunistische Partei eingetreten", pflegt er gelegentlich trocken zu bemerken.

Anfang der fünfziger Jahre studierte Nyers Ökonomie an der Budapester Karl-Marx-Universität. Vor und nach dem Aufstand 1956 war er Ernährungsminister, Anfang der sechziger Jahre Finanzminister. 1966 stieg er ins Politbüro auf und begann, die später ebenso berühmte wie behinderte Wirtschaftsreform auszuarbeiten. Diese Reform trat 1968 in Kraft, unmittelbar vor dem sowjetischen Einmarsch in Prag – eine Reform des "gerade vergangenen Augenblicks". Denn ursprünglich sollte sie mit den Wirtschaftsreformen der benachbarten Tschechoslowakei unter Ota Šik gekoppelt werden und obendrein mit gesellschaftspolitischen Veränderungen verbunden sein. Als Kernstück des neuen Mechanismus war bereits damals die Angleichung der Preise an die Produktionskosten vorgesehen. Doch der günstige Augenblick war gerade verstrichen. Im Dezember 1970 rebellierten Polens Arbeiter gegen zu hohe Preise. Die Orthodoxen im Kreml und in Budapest bekamen Angst und Argumente. Im März 1974 mußten die Reformer, allen voran die ZK-Sekretäre Nyers und György Aczél, abmustern.

Nyers hat später im Gespräch die von Kádárs Herolden ausgestreute Legende zerstört, daß nur Moskau alleine für den Abbruch der konsequenten Reform verantwortlich sei. Zwar habe ihm 1973 der damalige ZK-Sekretär Kirilenko im Kreml überhaupt nicht zugehört und nur rüde Stoppsignale gegeben. Doch sei Kirilenko erkennbar mit Informationen aus Budapest gespickt gewesen, wo jene ZK-Sekretäre, die Nyers zunächst gestützt hätten, inzwischen zu Kádárs bremsenden Zentristen umgeschwenkt seien. Die Ankurbelung der Privatinitiative, die Stimulierung von Konkurrenz und Kooperativen, die gezielten Preiserhöhungen und Einkommensdifferenzierungen hatten – damals genau wie heute – soziale Komplikationen, nackten Neid und die verbohrte Partei-Orthodoxie auf den Plan gerufen.

Nyers hat danach jahrelang dafür gekämpft, jene Konsequenzen freiwillig und früh genug zu ziehen, zu denen Ungarn, Polen, die Sowjetunion und bald auch andere Bruderstaaten verurteilt sind. 1984, als Moskau im tiefen Nachfrost der Tschernjenko-Periode versank, hat Nyers in einem Interview mit Mozgó világ Dinge beim Namen genannt, die Gorbatschow erst viel später spruchreif machte: "Der Aufbau des ganzen osteuropäischen Sozialismus befindet sich in der Phase einer Schicksalswende"; "zwischen der militärischen Sicherheit und der Weiterentwicklung der Revolution gibt es einen tiefen Widerspruch"; "es ist eine politische Deformation, daß die Staatsapparate die gewählten Organe in solchem Ausmaß in den Hintergrund gedrängt haben".

Nyers ist zutiefst davon überzeugt, daß die kaum zu bewältigenden Aufgaben nur von umfassenden Koalitionen gemeistert werden können. In diesem Sinne ist der einstige Sozialdemokrat bestrebt, die Zwangsvereinigung von 1948 durch eine neue Vernunftehe historisch zu bewältigen: "Die Ansichten der heutigen Reformkommunisten stehen dem sozialdemokratischen Ideensystem recht nahe... Was unser Verhältnis (zur neugegründeten, Sozialdemokratischen Partei) betrifft: Wir werden ihr soziales und sie unser demokratisches Gewissen sein."