Von Manfred Sack

Preisrichter, die sich mit seiner Architektur schwertun, haben es nicht leicht, sich seinen besseren Argumenten zu fügen und für ihn zu stimmen. Preisrichter wiederum, die ein Faible für seine Architektur haben, tun sich schwer, ihre Sympathie herunterzuspielen und ihr sachliches Urteil glaubhaft zu verteidigen. Denn der Aufruf zu unbedingter Anonymität in derlei Wettbewerben geht bei ihm ins Leere. Selbst unter Hunderten von Entwürfen wäre der seine auf den ersten Blick auszumachen, erst recht unter den sechzig, die 1980 für das Frankfurter Museum für Vor- und Frühgeschichte eingegangen waren: das braune Packpapier, das präzise Lineament, die Überhöhungen mit Weiß, das Grau, Silber, Gold – so unverkennbar kühl und so eigenwillig wie die Architektur, der die Darstellung gilt. Die Jury unter dem Vorsitz Oswald Mathias Ungers’ jedenfalls bekannte sich, dem Verdacht der Lästerer trotzend, zu dem Entwurf von Josef Paul Kleihues und gab ihm den ersten Preis, einstimmig.

Am Mittwoch dieser Woche ist das Museum nun eröffnet worden. Und es ist so geraten, wie es dem Anspruch seines Inhalts und seines Architekten angemessen ist: vollendet bis ins Detail, ein präsentierlustiges, ein praktisches, schönes Museum, das mit den Moden der Zeit ziemlich gut zurechtkommt, obendrein das geglückte Beispiel für einen Neubau, der sich einem würdevollen Altbau anzubequemen hatte. Weder kolportiert der Architekt die Geschichte dabei, noch unterwirft er sich liebedienerisch, ängstlich oder kokett, er reflektiert das Alte mit künstlerischem Ehrgeiz.

Das Museum befindet sich nicht jenseits des Mains am eigentlichen Museumsufer, wo der Stadtteil Sachsenhausen beginnt, sondern diesseits, im Zentrum der alten Stadt, auf dem Karmeliterhügel. Hier hatten sich im 13. Jahrhundert die "Brüder unserer lieben Frau vom Berge Karmel" niedergelassen, sich nach und nach ihr Kloster und ihr Gotteshaus gebaut, das 200 Jahre darauf eine spätgotische Gestalt bekam. Die Kirche war 1933/34 restauriert worden, hatte 1944 einen Volltreffer bekommen und war mitsamt den Möbeln, die die schon vorher Ausgebombten hier untergestellt hatten, lichterloh abgebrannt. Nach dem Kriege hatte man aus dem Refektorium einen Ort für wechselnde Ausstellungen gemacht und in den Klosterräumen Archive, ein Restaurant sowie das "Schlechteste Theater der Welt", die Schmiere, untergebracht. Ende der siebziger Jahre beschloß der Magistrat, die gefährlich verwitternde Kirchenruine mit einem Anbau für das Museum für Vor- und Frühgeschichte herzurichten, das mit seinen 28 000 Sammlungsstücken über dreißig Jahre lang im Holzhausenschlößchen eingepfercht war.

Das Museum breitet sich nun im spätgotischen Langhaus der Karmeliterkirche aus; dazu gehört das südlich angefügte (mit einem Seitenschiff erweiterte) Querschiff, die kleine St. Anna-Kapelle im südöstlichen Zwickel und das rotbraun-ockergelb gestreifte neue Gebäude. Es erstreckt sich an der Alten Mainzer Gasse entlang, hoch und zugeknöpft wie eine Klostermauer. Lang- und Querschiff bilden also mit dem Anbau ungefähr ein H, so daß das Idyll an den Seiten Einblicke erlaubt.

In den vier Jahrzehnten seit ihrer Demolierung war die Kirche in marodem Zustand. Aus den dreißiger Jahren gab es aber das genaue Aufmaß; jetzt nutzte man die Gelegenheit zu Grabungen, Gebäude- und Bodenuntersuchungen und wurde sich bald klar, daß das Ideal einer mit äußerster Zurückhaltung restaurierten Kirche unerreichbar war. Die konstruktive Substanz erlaubte nur noch wenige dokumentarische Zeichen der zerstörerischen Geschichte, statt dessen machte man sich beherzt an die komplizierte Mischung von Originalem, Rekonstruiertem und radikal Erneuertem. Kleihues entwarf für die Kirche einen wundervollen neuen Dachstuhl aus Eisen und Holz, eine feingliedrige Konstruktion von überzeugender Modernität, eine zeitgenössische Variante des Domdachs.

Nicht nur der Kreuzgang mit den Fresken Jörg Rathgebs von 1514, sondern die ganze klösterliche Gebäudeversammlung ist, seitab dem staufischen Zentrum am Römerberg, auch heute noch ein Idyll und abgelegen genug, wenngleich die Gassen, die es einfassen – Seckbächer, Alte Mainzer und Karmelitergasse –, von Autofahrern als Schleichwege mißbraucht werden. Und so mußte der Architekt sich gar nicht erst gegen die Versuchung wehren, sich in Formenspielereien zu verlieren. Nicht nur, daß es in dieser Enge eine ziemlich alberne Anstrengung gewesen wäre, es hätte auch seinem Temperament widersprochen. Man möchte sogar vermuten, daß ihm die Abseite der Altstadt mit ihren altfrankfurterischen Spurenelementen sogar sympathisch war. Und so glückte ihm mit diesem Museum eines seiner angenehmsten Bauwerke, das nach außen zwar ein bißchen Theater macht, im Innern aber von überzeugender Klarheit ist: ein schönes neues Haus, das sich den schönen alten Kirchen mit selbstbewußter Zurückhaltung anverwandelt hat. Und umgekehrt.