Niemals davon reden, immer daran denken, sagten die Franzosen – nämlich an die Wiedervereinigung der Provinzen Elsaß und Lothringen mit dem französischen Mutterland. Weil die Deutschen, ohnmächtig, nicht handeln können, schwätzen sie ohne Unterlaß über die Wiedervereinigung. Natürlich gibt es Gelegenheiten, bei denen man, gewissermaßen zu Protokoll, feststellen muß, daß die Deutschen hüben und drüben einen Anspruch auf Wiedervereinigung haben, wenn sie es denn beide wollen. Kein Kanzler hat das je unterlassen. Aber es ist schlimm, wenn Deutsche einfach den Ruf ausstoßen: „Die Mauer muß weg.“

Als ob man die Wiedervereinigung durch Abriß der Mauer erreichen könnte. Die Mauer fällt, wenn die Wiedervereinigung beschlossene Sache ist. Im Augenblick gibt es dafür die Voraussetzungen nicht; auch ist nicht zu erkennen, wann sie eintreten werden. Zuvor muß sich das Verhältnis der Mächte in der Welt grundlegend ändern.

Freilich, so unverrückbar, wie die Machtverhältnisse vor einem Jahr noch erschienen, sind sie heute nicht mehr. Sie können sich morgen ändern. Eine Wende zum schlechteren, nach dem Peking-Modell, ist allerdings in Moskau nicht zu erwarten. Dafür sind Perestrojka und Glasnost zu weit gekommen und haben das Bewußtsein in Moskau bereits zu sehr geformt. Der Osten – alle Länder im Osten – ist in Bewegung geraten. Niemand weiß, wo diese Bewegung enden wird. Also weiß auch niemand, was aus der gewaltigen Schicksalstrommel schließlich herauskommt.

Zu denen, die es drangt, über die offene deutsche Frage zu reden, gehört auch mein Freund Theo Sommer. Er schrieb in der vorigen Woche: „Es läßt sich die deutsche Einheit auch in der Form der Zweistaatlichkeit denken ... Dann kann unter dem Dach einer paneuropäischen Gemeinschaft deutsche Einheit in einer erträglichen Doppelung etabliert werden, die auch jenen Nachbarn und Partnern keine Gänsehaut verursacht, die von einem neuen Großstaat der Deutschen ebensowenig halten wie von der Mauer.“

Sicher müssen wir die Sorgen unserer Nachbarn – aller Nachbarn – in Rechnung stellen. Unsere Verbrechen in der Zeit der Nazis werden nicht vergessen werden, solange Geschichte geschrieben wird. Deshalb werden wir im Fall der Wiedervereinigung Beschränkungen der Souveränität des wiedervereinigten Deutschland in Kauf nehmen müssen. Etwa: daß der DDR-Teil Deutschlands auf fünfzig Jahre Von den Sowjetrussen besetzt bleibt und nicht zur Nato gehört. Daß die Nato bestehen bleibt mit Kontingenten der einst gegnerischen und jetzt befreundeten Nationen auf unserem Gebiet.

Aber ich bin erschrocken darüber, daß die uns nachfolgenden Generationen so beliebig mit den Gefühlen derer umgehen, um deretwillen die Wiedervereinigung eigentlich angestrebt wird: nämlich der Burger der DDR. Es gibt einen Beweis dafür, daß die überwiegende Mehrheit der DDR-Bürger die Wiedervereinigung will. Wäre es anders, hätten uns die Machthaber drüben längst durch eine freie, kontrollierte Abstimmung das Gegenteil nachgewiesen. Wir haben auch genug persönliche Verbindungen nach drüben, um zu wissen, daß die Abneigung der DDR-Bürger gegen den SED-Zwangsstaat eher größer geworden ist – es wird uns jedenfalls immer versichert.

Erschrecken müssen gerade jetzt die Bürger drüben, wenn sie lesen, daß „ihre“ Volkskammer den Mord an mehreren hundert, vielleicht sogar tausend für Demokratie und Freiheit demonstrierenden chinesischen Bürgern gebilligt hat. Und daß die Frau des Generalsekretärs Honecker verkündete, in der DDR müßten notfalls die sozialistischen Errungenschaften mit der Waffe in der Hand verteidigt werden. Wozu sind diese Leute noch fähig? Da wird abermals das Wort zur Lüge, das Wort „Niemals darf von deutschem Boden Krieg ausgehen“.