Der 1. Oktober ist ein wichtiges Datum für das europäische Investmentgewerbe. Spätestens dann nämlich müssen die Regierungen der Europäischen Gemeinschaft Gesetze verabschiedet haben, die die sogenannte Harmonisierungsrichtlinie des EG-Ministerrats vom Dezember 1985 in nationales Recht umsetzen. Mit anderen Worten: Der Startschuß für den Binnenmarkt fällt für die Investmentbranche nicht erst Ende 1992, sondern schon im Herbst dieses Jahres. Dann dürfen etwa britische Investmentgesellschaften ohne hemmende Vorschriften ihre Dienste deutschen Geldanlegern offerieren, wie natürlich auch deutsche Kapitalanlagegesellschaften im europäischen Ausland neue Kunden werben können.

Den Sparern kann das nur recht sein. Die Europäisierung des Investmentmarktes stärkt den Wettbewerb zwischen den Gesellschaften, das Angebot für die Sparer wird größer, und zumindest für die deutschen Gesellschaften wird auch der Anlagespielraum erweitert. Sie dürfen dann zum Beispiel auch an den neuen Termin- und Optionsbörsen Geschäfte machen, was ihnen bisher verboten war.

Die Frage ist nur, ob sich zum Beispiel der Kauf von britischen Investmentanteilen für deutsche Anleger lohnt. Die Briten fühlen sich für den Europamarkt „gut gerüstet“, wie jetzt Tony Smith, Generalsekretär des englischen Investmentverbandes Unit Trust Association (UTA), in London erklärte. „Britische Fondsmanager sind ausgewiesene Marketing-Experten und haben vor allem große internationale Erfahrung in diesem Geschäft.“

Das Selbstbewußtsein der Briten belegen eindrucksvolle Zahlen: Im britischen Investmentverband sind rund 150 Gesellschaften zusammengeschlossen, das deutsche Pendant, der Bundesverband Deutscher Investmentgesellschaften (BVI), vereint dagegen nur 42 Kapitalanlagegesellschaften. Zwar ist das gesamte Fondsvermögen in beiden Staaten etwa gleich groß – britische Gesellschaften hatten Ende vorigen Jahres umgerechnet 133 Milliarden Mark, deutsche rund 106 Milliarden Mark in ihren Büchern – aber die Zahlen der in beiden Ländern aufgelegten Fonds differieren stark (siehe Graphik).

Mit 1255 Fonds hatten die Engländer Ende 1988 fast sechsmal so viele Fonds im Angebot wie die BVI-Mitglieder (220). Nicht wenige große, sondern nach deutschen Maßstäben viele kleine Fonds beherrschen auf der Insel die Investmentszene. Und noch etwas ist in Großbritannien ganz anders als hier: In der Anlegergunst liegen die Aktienfonds eindeutig vorn, während hierzulande die Rentenfonds klar bevorzugt werden.

Bis auf einen verschwindend kleinen Rest von umgerechnet knapp sechs Milliarden Mark hatten die Briten Ende 1988 ihr Geld den Aktienfonds anvertraut. In der Bundesrepublik liegen über drei Viertel des gesamten Fondsvermögens bei den Rentenfonds. Fast neunzig Prozent des gesamten Mittelaufkommens von mehr als zwanzig Milliarden Mark im vergangenen Jahr verbuchen diese Fonds auf ihren Konten.

Mit anderen Worten: Bei deutschen Investmentsparern steht die Sicherheit der Geldanlage im Vordergrund, die Briten denken dagegen mehr an den Ertrag. Denn besonders im langfristigen Vergleich können die Gewinne der Rentenfonds mit denen der Aktienfonds nicht konkurrieren, weder hier noch in England. Aber dieser Gewinnvorsprung der Aktienfonds wird natürlich mit kurzfristig viel stärkeren Kursschwankungen erkauft, die, so scheint es, die Nerven deutscher Investmentsparer doch zu stark strapazieren.