Von Bartholomäus Grill

Sofia im Juni

Stojan Tsanew hockt breitbeinig im Sessel und schneidet eine klassische Wenn’s-weiternichts-ist-Miene. 1500 Leute weniger? Bei "Lazur", dem Mammut-Staatsbetrieb, den er leitet, stehen deswegen die Räder nicht still. Schließlich ist er ein Wirtschaftsführer, dem in Varna Kapitalisten-Qualitäten nachgesagt werden. Da müssen eben einige der übrigen 21 500 Arbeiter umverteilt werden und alle mehr schaffen. So einfach ist das.

Nicht nur an der Schwarzmeerküste Bulgariens wurden am vergangenen Wochenende Sonderschichten eingelegt; im ganzen Land mußte das Heer der Werktätigen ran – zum ersten Mal seit zwanzig Jahren am Samstag. Denn Zehntausende Bulgaren – allesamt zur muslimischen Minderheit gehörend – verlassen in diesen Tagen fluchtartig den Balkanstaat in Richtung Süden. Dort liegt die Türkei, ihr gelobtes Land, und die Emigranten, die sich selber als Türken bezeichnen, scheinen zu glauben, daß jenseits des Bosporus Milch und Honig fließen. Ein 39jähriger Kraftfahrer aus Sumen nennt den Grund für den Exodus der Muselmanen: "Wir fühlen uns diskriminiert. Wir können unsere Religion nicht frei ausüben." Es gibt Augenzeugenberichte von niedergewalzten Friedhöfen, vom Verbot der Beschneidung, der traditionellen Bestattung und anderer religiöser Riten.

Ungefähr 900 000 Turk-Bulgaren leben zwischen Rhodopengebirge und Donau. Die Herrschenden setzen ihnen schwer zu, obwohl sie in deren Augen eigentlich gar nicht mehr existieren. Jedenfalls tauchen sie in der Volkszählung von 1986 als ethnische Minderheit nicht auf. Amtlich heißen sie seit 1982 "Bulgaren islamischen Glaubens". Seinerzeit wurde ein Abkommen mit Ankara getroffen, in dem nach Sofioter Lesart die Frage nach türkischstämmigen Aussiedlern zu den Akten gelegt wurde. Dieser heute umstrittenen Vereinbarung waren Verträge vorausgegangen, die Hunderttausenden die Umsiedlung nach Kleinasien erlaubten. In den achtziger Jahren machten die Bulgaren ihre Grenzen dicht und begannen eine brutale Assimilierungskampagne, die amnesty international auf den Plan rief: Angehörige der türkischen Minderheit wurden von 1984 an gezwungen, ihre Namen zu ändern. Dabei sollen viele Bürger mißhandelt und getötet worden sein.

Auch Sadin, ein schwergewichtiger, levantinischer Typ, hat seinen Namen geändert, freiwillig, wie er betont. Aber er läßt sich lieber im Diminutiv von Alexander, also Sascha, rufen, weil er ursprünglich Sadik hieß. 1959 geboren, durfte er in Veliko Târnovo sogar noch eine türkische Schule besuchen. Das war in jenen Tagen, als es noch über hundert Zeitungen und Zeitschriften in türkischer Sprache gab und der heutige Staats- und Parteichef Todor Schiwkoff geradezu fürsorglich für eine Verbesserung des Unterrichts "für die Kinder der türkischen Gemeinschaft" eintrat.

Sascha arbeitet als Graphiker bei der Wochenzeitung Borba ("Kampf") und verdient 494 Lewa, das ist bei einem Durchschnittslohn von 230 Lewa etwa das Gehalt eines Professors. "Schön ist das Leben hier!" schwärmt er. Nicolai Tornow, sein Chefredakteur, sitzt gegenüber und schmunzelt. Der Besucher wird den Verdacht nicht los, man habe diesem hochqualifizierten Manne das Hierbleiben versüßt. "Man sollte nur dann gehen, wenn man verjagt wird", sagt Sascha. Und fügt hinzu, daß aus der Familie seiner Frau einige auswandern wollen. Aber die meisten der Emigranten seien eben fanatische Moslems – "sie wollen nicht im Schatten des Kreuzes leben". Er fühle sich als Europäer. "Die Türken sind hundert Jahre zurück!" Das klingt bekannt: So mancher Zeitgenosse in unseren Breiten hegt ja im Blick auf Anatolien auch seinen "kleinasiatischen Vorbehalt" – außer wenn es um die Südostflanke der Nato geht.,