Von Wilfried Kratz

Warum strengt sich ein Unternehmen wie Tengelmann so sehr an, in den britischen Einzelhandel für Lebensmittel einzubrechen? Kurt Bettin, der in London seit 25 Jahren im Dienst des deutschen Agrarexports den Markt studiert, hat darauf eine knappe und klare Antwort: "Hier wird gutes Geld verdient, und Gateway ist vielleicht die letzte Gelegenheit, eine nationale Kette zu übernehmen." Gateway ist "im Spiel", wie sich die Börsianer ausdrücken. Zwei Konsortien raufen sich in einer Auktion um den Besitz des drittgrößten Einzelhändlers in der britischen Lebensmittelbranche, und an einem ist Tengelmann beteiligt. Der Einsatz in diesem Spiel ist inzwischen auf 2,11 Milliarden Pfund oder runde 6,33 Milliarden Mark gestiegen.

Gateway wurde im April als lohnendes Übernahmeziel entdeckt. In der Londoner City formierte sich ein Konsortium von institutionellen Anlegern und Kreditgebern unter der Beratung des Bankhauses S.G. Warburg und gründete die Firma Isosceles, die als Übernahmevehikel dienen sollte. Isosceles kam mit dem ersten Angebot von 195 Pence je Aktie heraus, was einem Preis von gut 1,7 Milliarden Pfund für das gesamte Unternehmen entsprach. "Gateway ist ein Versager, Gateways Zukunft ist düster", behaupteten die Aufkäufer und produzierten Schaubilder, welche zeigten, daß Gateway hinter seinen Konkurrenten in der Entwicklung des Gewinns je Aktie zurückgeblieben ist.

Den Vorstand des Unternehmens beschuldigten die aggressiven Firmenjäger, er verfolge die falsche Geschäftspolitik und habe keine Lösung anzubieten, um den Wert der Aktie hochzutreiben. "Radikale Maßnahmen sind erforderlich", versprachen die Heilsbringer und kündigten Aktionen an. Sie wollen die Verkaufsstrategie ändern, Tochtergesellschaften abstoßen und siebzig bis achtzig der größten Supermärkte (superstores) veräußern. Nach dieser Operation soll die umgebaute und "wiederbelebte" Gruppe – oder was davon übriggeblieben ist – in drei bis fünf Jahren wieder an die Börse gebracht werden. Für die "Finanz-Ingenieure" soll dann unter dem Strich ein hübscher Gewinn übrigbleiben.

Gateway setzte sofort seine Verteidigung in Bewegung. Der gebotene Preis sei viel zu niedrig, verkenne die voranschreitende Erholung des Unternehmens und unterbewerte die Substanz. Isosceles erkannte an, daß es sich mit der ersten Offerte nur eingeschossen hatte, und erhöhte das Angebot auf 210 Pence je Aktie. Aber Gateway lehnte ab und tat das, was Firmen in dieser Lage häufig tun. Wenn sie sich schon damit abgefunden haben, daß ihre Unabhängigkeit nicht zu halten ist, wollen sie ihre Haut wenigstens so teuer wie möglich verkaufen. Der beste Weg ist, eine Auktion in Gang zu bringen. Dazu braucht man einen zweiten Interessenten, den berühmten weißen Ritter, der die Rolle des willkommenen Retters spielt.

Hilfe schien aus Amerika zu kommen, wo das Übernahmespiel in der Form des auf Kredit finanzierten Kaufs von Unternehmen (leveraged buy-out) und ihre anschließende Zerlegung weit höher entwickelt ist als in dem fusionsfreudigen Großbritannien. Zunächst versuchte sich der Spezialist Kravis Kohlberg Roberts (KKR) zusammen mit der amerikanischen Supermarktkette The Great Atlantic & Pacific Tea Company (A & P), hinter der Tengelmann steht. Als es dann doch nicht zum Gegenangebot kam, schien Isosceles das Feld für sich zu haben, kaufte an der Börse Gateway-Aktien auf und galt schon als Sieger.

Aber die City-Finanziers hatten nicht mit der Zähigkeit von Tengelmann gerechnet und auch nicht mit der Firma Wasserstein Perella, dem jungen Konkurrenten von KKR an der New Yorker Wall Street. Wasserstein Perella entschlossen sich, ihre Methoden zum ersten Mal nach Europa zu exportieren, und wie immer ist London die erste Station. Anstelle von KKR traten sie zusammen mit A & P in letzter Minute in den Ring, fügten ein Finanzpaket zusammen, gründeten ihr Übernahmevehikel, die Firma Newgateway und boten 225 Pence oder zwei Milliarden Pfund in bar. Gateways Vorsitzender Alec Moon empfahl den Aktionären zuzugreifen.