Auf dem Grundstück der Bastille erhebt sich die Banque de France, und dort, wo der Temple stand, dort, wo der unglückliche Erpel Ludwig XVI. einst seine letzten Tage verbringen mußte, quaken heute ihm zu Ehren bunte Entenvögel – in einem hübschen kleinen Teich in einem hübschen kleinen Park mitten in der wüsten großen Stadt Paris. Und wo wohnte Robespierre? Und Danton?

Die beiden jungen Berliner Journalisten Alexander Smoltczyk und Fritz von Klinggräff haben sich aufgemacht: auf die "Suche nach der verlorenen Revolution". Von Metro-Station zu Metro-Station führen sie den Freiheitspilger zu den heiligen Stätten des revolutionären Paris – von der Druckerei Marats (neben dem Haus des Doktors Guillotin) bis zum Kerker de Sades, bis zum Friedhof Picpus, in dessen stiller, schwarzer Erde sich die Überreste der guillotinierten Opfer und Täter sanft vermischen.

Doch dieser lobenswerte Dienst am Revolutionstouristen von heute ist nur ein hübscher Trick, ein amüsanter Vorwand für den eigentlichen Zweck des Buches, für die tatsächliche Absicht seiner Autoren. Denn die Suche nach der verlorenen Revolution gilt weniger den Reliquien von damals, als vielmehr der Diskussion heute, der französischen Jahrhundertdebatte um die Große Revolution. Keine bequeme Panoramabus-Tour in die Vergangenheit also, sondern eine Metro-Rundfahrt durch die Pariser Mandarin-Szene von heute, kein Cicerone mit Öffnungszeiten, Eintrittspreisen, sondern ein temperamentvoller, immer wieder auf das munterste abschweifender Bericht einer Forschungsreise durch die Cafés, die Gelehrtenstuben und auch die Büros, in denen die Feiern des "Bicentenaire" ersonnen wurden.

Alle kommen sie zu Wort: François Füret und Michel Vovelle, Mona Ozouf und Pierre Chaunu, Jean-Pierre Faye, Paul Virilio und Jean-François Lyotard. Ist die Revolution längst tot – oder geht sie "unendlich" weiter? War sie ein totaler Bruch – oder die Fortsetzung des Ancien Regime mit anderen Mitteln; Erfindung der Freiheit – oder erstes Kapitel in der Geschichte des modernen Totalitarismus? Smoltczyk und Klinggräff entfalten den ganzen Streit, Blatt für Blatt wie einen "Falk-Plan" von Paris. Und es zeigt sich, daß diese Diskussion um die Revolution (wie sie denn nun wirklich war und wie man sie heute am besten feiern sollte) eine Diskussion um die "nationale Identität" ist: ein Streit um Moderne und Tradition, um Staat und Nation, um "zivile Gesellschaft" und Volksherrschaft. Die historische Debatte und der Zank um die Bicentenaire-Feiern spiegeln das Frankreich von heute: das immerwährende Mißtrauen gegenüber den Institutionen, die naive Freude an technischen Wunderwerken aller Art, die Versuche, den Zentralismus zu mildern, den alten Glauben an die Mission der Menschenrechte und den neuen Fremdenhaß – und nicht zuletzt die unüberwindliche Spannung zwischen Stadt und Land, Paris und Provinz, Cité und la France profonde.

Smoltczyks und Klinggräffs Gespräche – ob mit Régis Debray im Elysée-Palast oder mit Francis Gendron in einem nach Couscous und Hammelfleisch duftenden Café in der Vorstadt Montreuil – sind Puzzlesteine, die sich am Ende des Buches zu einem scharf gezeichneten Bild zusammengefügt haben: zu einem Standbild Frankreich, zweihundert Jahre danach. 16 Gespräche, 16 Kapitel, 16 x Frankreich. Das macht die Spannung, den Reiz dieses Reiseführers durch die neuen Geheimnisse des intellektuellen Paris aus: Es ist ein Stück Mentalitätsgeschichtsschreibung, französische Seele für Fortgeschrittene; ein Buch auch, das zeigt, warum es zwischen Frankreich und Deutschland zur Zeit nur Mißverständnisse geben kann. Vor allem aber: Eine Reportage, die lehrt, daß drei Jahre vor 1992 die Diskussion über 1789 kein Streit um die Geschichte, sondern ein Streit um die Zukunft ist.

Benedikt Erenz