In Dortmund wird eine neue Methode zur Verwertung von Abrißmaterial erprobt

Elke Potulski sitzt im Schatten eines Baumes und sägt an einem Stück Holz. Ein paar Meter weiter nageln ihr Mann Jochen und ihr Vater eine Kiste zusammen, um darin Steine zu formen. Daß die Potulskis sich die Steine für ihr zukünftiges Haus auf dieser staubigen Baustelle im Dortmunder Vorort Eving selbst gießen, mag beim ersten Anschein vorsintflutlich anmuten. Tatsächlich wird hier ein wirtschaftliches und ökologisches Prinzip getestet, das in anderen Bereichen der Wirtschaft längst zum Alltagsgeschäft geworden ist: Recycling. In diesem Fall: Wohnrecycling.

Noch vor Jahresfrist standen in der Dortmunder „Märchensiedlung“ zwei langgezogene kastenförmige Mietshäuser mit 144 Wohnungen zwischen 35 und 45 Quadratmetern Wohnfläche. In den dreißiger Jahren in „Schlichtbauweise“ errichtet, ließen die Eigentümer (zuletzt die „Neue Heimat“) die Gebäude verwahrlosen, so daß sie – häßlich-grau außen und ohne jeden Wohnkomfort – ein Schandfleck für den ganzen Stadtteil waren und zuletzt leerstanden. Das Gelände eignete sich jedoch gut für eine kleine Siedlung aus Einfamilien-Reihenhäusern. Wolfgang König, Bauleiter einer Immobilienfirma, hatte die Idee, die Bausubstanz der alten Wohnklötze für den Neubau zu nutzen.

König stieß zunächst überall auf Skepsis. Doch die Idee „Aus alt mach’ neu“ ließ den Ingenieur nicht los. Er goß in seiner Freizeit Probesteine und ließ sie auf ihre Druckfestigkeit und ihre toxikologische Unbedenklichkeit prüfen. Als die richtige Mischung gefunden war und das staatliche Materialprüfungsamt seinen Segen erteilt hatte, ging er daran, die großtechnische Umsetzung zu verwirklichen. Die erhoffte Unterstützung aus dem Bonner Forschungsministerium blieb aus. Für eine wissenschaftliche Begleitung sei kein Geld da, lautete die Antwort. Das Berliner Umweltbundesamt hatte immerhin ein aufmunterndes Schulterklopfen für ihn übrig.

Schonung des Geldbeutels

Im Oktober vergangenen Jahres rückten die Abrißkräne an. Über mehrere mechanische Rutschen und Siebe und mit Hilfe von Ventilatoren wurden die nicht wiederverwendbaren Stoffe (Papier, Nägel, Unrat) ausgesondert, alles andere aber in einer Mühle zu einem feinen Granulat zerkleinert, das – mit Zement und Wasser vermengt – einen vorzüglichen Baustoff darstellt. „98 Prozent des Abrißmaterials können wir so wieder benutzen“, schätzt König. Und das, so fügt er an, komme der Umwelt gleich in mehrfacher Hinsicht direkt zugute: „35 000 Kubikmeter Bauschutt landen somit nicht auf der Deponie.“ Er schaut über den Bauzaun und deutet auf den nahen Sportplatz. „Damit hätten Sie die Spielfläche acht Meter hoch aufschütten können, von der Luftverunreinigung und dem Lärm, die uns durch den fehlenden Transport erspart bleiben, gar nicht zu sprechen.“ Selbst die hundert Kubikmeter Holz, die aus den Häusern gerettet wurden, finden eine neue Verwendung: Beim Ausbau der Dachstühle der neuen Eigenheime und für die Formen für die Steinquader, die die Potulskis im Schatten der rötlich schimmernden Granulatberge herstellen.

Doch nicht nur die Umwelt werde durch das Baustoffrecycling geschont, auch die Geldbeutel der künftigen Häuslebauer. „Diese Methode spart uns natürlich auch erhebliche Kosten“, sagt Wolfgang König, „und diese Ersparnis geben wir voll an unsere Kunden weiter.“ Beispielsweise das Baumaterial: Wären die 35 000 Kubikmeter zur Deponie transportiert worden, hätte allein das schon mehr als 3,2 Millionen Mark gekostet. Die Ersparnis von etwa 60 000 Mark pro Haus, verspricht die Firma, reduziert den Kaufpreis aller 58 künftigen Eigenheime.