Weil die Aussiedler als Konkurrenten um Arbeitsplatz und Wohnraum betrachtet werden, stoßen sie auf eine Mauer der Ablehnung

Von Christian Wernicke

Die Arme verschränkt, die Gesichter mürrisch – wie eine Mauer bauen sich die Leute vor ihren Ratsherren auf: Lokaltermin im Staub eines Bauplatzes, auf dem nach den Plänen der Stadt Hamm demnächst ein Übergangsheim für 72 Aussiedler stehen soll. Die Nachbarschaft schweigt. Ihr Sprecher beteuert, man habe „nichts gegen Aussiedler oder Ausländer“. Alle fühlen sich überrumpelt: Sie erfuhren erst aus der Zeitung, wer da in nächster Nähe ihrer Reihenhäusern Quartier beziehen soll.

In fader Verwaltungssprache versuchen die Rathaus-Gesandten, die „kommunalen Sachzwänge“ zu schildern. Vergeblich – nach drei Sätzen fällt ihnen das Volk ins Wort: „Uns geht’s um die Masse, die auf uns zurollt.“ Wären es nur sechs Familien, bitte schön. „Aber eine solche Welle?“ Der zweite Zwischenruf kommt in jedem Sinne aus der hinteren Reihe: „Wie sehen die Häuser denn aus, wenn solche Leute hier gehaust haben?“

Solche Leute – keiner kennt sie, aber jeder hat sich seine Meinung gebildet über die Fremden aus dem Osten, die „Polacken“, die alsbald die Ruhe im heimatlichen Vorgarten bedrohen. „Überhaupt“, so der nächste Einwand, „warum müssen wir unsere Häuser mit tausend Mark im Monat abzahlen, wenn’denen alles in den Hals gesteckt wird?“ Der Neid auf „diese, Absahner“, die – mit angeblichen Sonderrechten ausgestattet – den Alteingesessenen Wohnungen und Arbeitsplätze wegschnappen, schürt Ängste und Aversionen: „Am Ende sind die drin und wir draußen.“ Trotzdem wollen die Lokalpolitiker von SPD und CDU für das Aussiedlerheim stimmen. Da zieht so mancher Nachbar leise Bilanz: „Die kriegen bei der nächsten Wahl ihre Quittung. Irgendwann muß Schluß sein mit der Schwemme – da haben diese Republikaner schon recht.“

Mittlerweile haben sich die Gemüter wieder etwas beruhigt, die Ratsherren einstimmig den Baubeschluß verabschiedet, die Siedler in der Hugo-Bröcker-Straße bei der Europawahl mit „nur“ 6,3 Prozent rechtsextrem gewählt (Stadtdurchschnitt acht Prozent). Doch der Konflikt in einer westfälischen Nebenstraße spiegelt etwas von dem wider, was in der gesamten Republik für Unruhe sorgt. Neben den Asylanten und den Ausländern, neben Tamilen und Türken, sind inzwischen auch die Aussiedler zu Katalysatoren der Fremdenfeindlichkeit geworden.

Neid und Angst