Von Dieter E. Zimmer

Einmal mußte es ja jemandem auffallen: daß in der Frage, in welchem Maß Intelligenz eine Sache der Sozialisation oder der Erbausstattung ist, öffentliche und wissenschaftliche Meinung weit auseinanderklaffen.

Zwei amerikanischen Wissenschaftlern, dem Psychologen Mark Snyderman und dem Politologen Stanley Rothman, ist es nicht nur aufgefallen – das Phänomen schien ihnen interessant genug, systematisch untersucht zu werden. Das Ergebnis ist ein ausgewachsenes und ausgewogenes Buch, „The IQ Controversy – The Media and Public Policy“ (Transaction Books, New Brunswick, New Jersey 1988).

In den Vereinigten Staaten handelt es sich um eine nicht nur wissenschaftlich, sondern auch politisch hochbrisante Frage. Tests spielen im Leben eines jeden – in der Schule, bei der Zulassung zum Studium, bei der Bewerbung um einen Job – eine ungleich größere Rolle als in Europa. Der Studienfähigkeitstest (SAT), der im wesentlichen ein Intelligenztest unter anderem Namen ist, und alle nicht unmittelbar auf den Beruf bezogenen Eingangstests, mit denen Arbeitgeber Stellenbewerber sieben, sind in den letzten Jahren zunehmend unter Beschuß geraten. Vor allem aber sind Afroamerikaner vor Gericht gegangen, weil sie den Eindruck hatten, sie oder ihre Kinder würden von den IQ-Tests diskriminiert.

Der wichtigste dieser Fälle war der Fall „Larry P.“. 1971 verklagten schwarze Eltern den Staat Kalifornien: Ihre Kinder seien aufgrund ihrer Ergebnisse in IQ-Tests zu Unrecht in Klassen für „geistig zurückgebliebene Schüler“ (die es heute nicht mehr gibt) eingewiesen worden. Der Prozeß schleppte sich bis 1984 durch die Instanzen. Alle gaben den Klägern recht, mit dem (naiven) Argument, IQ-Tests seien „kulturell unfair“ und diskriminierten Schwarze in der Tat – denn es fänden sich ja prozentual mehr Schwarze als Weiße in den untersten Rängen.

Auch die anderen Prozesse dieser Art gingen ähnlich aus, und seitdem dürfen in einigen Staaten schwarze Kinder nicht mehr auf ihre Intelligenz getestet werden. Seit 1987 ist ironischerweise eine andersartige Klage anhängig. Eine schwarze Mutter verklagte den Staat Kalifornien, weil ihr möglicherweise lernbehinderter Sohn nicht getestet werden durfte: Es sei auch eine Diskriminierung, wenn Schwarzen ein Diagnoseinstrument vorenthalten wird. Einstweilen aber begegnen IQ-Tests in der Praxis großem Argwohn, und überall wird ihr Einsatz eingeschränkt.

Um die Situation mit den nüchternen Worten der beiden Autoren zu resümieren: „Wenige Fragen haben in den letzten zwei Jahrzehnten zu heftigeren Kontroversen geführt als alle jene, die mit der Natur der Intelligenz und mit Intelligenztests zusammenhingen. In den fünfziger Jahren herrschte unter den Fachleuten wie in der informierten Öffentlichkeit weitgehend Einigkeit darüber, daß die Intelligenz etwas sei, was sich mit IQ-Tests messen läßt, und daß genetische Ausstattung wie Umwelt eine Rolle bei den Unterschieden in der gemessenen Intelligenz spielen. Während der sechziger und siebziger Jahre war diese Ansicht scharfen Angriffen ausgesetzt. IQ-Tests wurden verurteilt, da sie gegen Minderheiten und Arme voreingenommen seien. Es wurde behauptet, daß wir nicht wüßten, was Intelligenz ist; daß wir sie, was auch immer sie sei, nicht messen könnten; und daß individuelle Intelligenzunterschiede, wie auch immer sie gemessen werden, hauptsächlich, wenn nicht vollständig eine Funktion äußerer Einflüsse seien und nicht genetischer Anlagen. Heute hat diese Kritik des IQ und der IQ-Tests unter gebildeten Laien den Status einer konventionellen Weisheit angenommen. Weit und breit herrscht die Uberzeugung, neuere wissenschaftliche Untersuchungen hätten ältere Ansichten überholt, die auf schlechter oder gar betrügerischer Wissenschaft beruhten, und die große Mehrheit der Fachleute stehe hinter diesen neueren Untersuchungen.“