Von Ed A. Hewett

WASHINGTON. – Allmählich sollten wir aufhören, uns den Kopf darüber zu zerbrechen, in welcher verzweifelten Lage Gorbatschow sich möglicherweise befindet und ob wir ihm helfen können. Seine Lage ist nämlich gar nicht so aussichtslos, wie manch einer uns glauben machen will. Alles deutet darauf hin, daß er sich selbst helfen kann.

Alle sind sich darüber einig, daß die Lage der sowjetischen Wirtschaft ernst ist. Die jahrzehntelange Vernachlässigung elementarer Wirtschaftsprinzipien hat einen Scherbenhaufen aufgehäuft, den man nicht so einfach beiseite wischen kann. Gorbatschow weiß das heute besser als vor vier Jahren.

1985 schienen führende sowjetische Politiker noch zu glauben, die Wirtschaft könnte schon dadurch angekurbelt werden, daß einfach der persönlichen Initiative mehr Raum gegeben wird. Seither ist diese Hybris der nüchternen Erkenntnis gewichen, daß die Reformen Jahrzehnte dauern werden.

Um seine Perestrojka zu finanzieren, hat Gorbatschow zum Schlag in drei Richtungen ausgeholt. Er beschloß, die Militärausgaben zu kürzen, Direktinvestitionen durch Joint-ventures ins Land zu holen und den Beitritt zu internationalen Organisationen zu beantragen, um dadurch die Integration der Sowjetunion in die Weltwirtschaft vorzubereiten.

Doch wir würden Gorbatschow unterschätzen und auch die Kräfte, die ihn an die Macht brachten, wenn wir die Veränderungen der letzten vier Jahren nur unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten sähen.

Gorbatschow hat Andrej Sacharow nicht aus innerer Verbannung befreit, nicht die Schulden der Sowjetunion bei den Vereinten Nationen beglichen, nicht ein Abkommen zur Begrenzung der atomaren Mittelstreckenraketen abgeschlossen – nur um die Wirtschaft anzukurbeln. Es sind vielmehr die Handlungen eines Mannes mit einem Sinn für politische Vernunft und historische Zusammenhänge. Selbst wenn es um die wirtschaftliche Situation seines Landes anders stünde, wäre er ein besserer Verhandlungspartner für den Westen als seine Vorgänger.