Premiere nach vierzig Jahren: Zum ersten Mal hat das Parlament über Kunst und Architektur, im Nationalsozialismus debattiert. Zu verdanken ist das dem Eigensinn der Grünen, insbesondere Antje Vollmers.

Die Grünen, so Frau Vollmer ehrlich, hätten "keine sicheren Ratschläge, wie man mit der NS-Kunst korrekt umgeht". Aber sie neigen, wie sie erläuterte, zu einer "Entdämonisierung der Nazikunst als emanzipatorischem Akt einer Gesellschaft, die die Freiheit der Kunst nicht durch staatliche Zensur, sondern durch selbstbewußte Individuen garantieren möchte". In der gezielten Benutzung von Ästhetik zu Zwecken der Politik und der Massenbeeinflussung habe ein Teil der Faszination des Schrecklichen gelegen, "den unsere Eltern so wenig erklären konnten, den wir aber begreifen müssen, wenn wir uns selbst im Medium der Politik tummeln".

Freimut Duve (SPD) zog eine Parallele zwischen dem Appell an das gesunde Volksempfinden damals und den Kontroversen über ein aufklärerisches Fernsehprogramm oder eine Entpolitisierung von Massenkommunikationsmitteln überhaupt heute. Roswitha Wisniewski (CDU) plädierte eher für Vorsicht, Ingrid Walz (FDP) für absolut freie Marktwirtschaft auch in der Kunst oder "Kunst". Peter Conradi (SPD) empfahl, wenn über vierzig Jahre Bundesrepublik geredet werde, sich auch einmal darüber zu unterhalten, daß Architekten und Städteplaner aus der Nazizeit sich nach 1945 auch am Wiederaufbau beteiligten. Es gab viel Kontinuität, auch dabei.

All das mitsamt der Antwort der Bundesregierung auf die Große Anfrage der Grünen, eine Antwort übrigens, die auffallend rechtfertigend und nicht für einen Moment selbstkritisch ausgefallen ist, all das also böte Grundlage und Stoff für eine wirkliche Debatte. Aber jede Fraktion hatte maximal zehn Minuten Redezeit. Zehn Minuten nach vierzig Jahren. Wenn das Wünschen helfen würde, möchte man sich als Zuhörer und Zuseher im Wasserwerk gelegentlich einmal selber auswählen dürfen, was das Parlament ganz ernsthaft diskutiert und was es souverän ignorieren kann. Großes klein und Kleines groß machen, das wäre mal was.

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Auf die Bemerkung Antje Vollmers hin, "unsere Eltern" hätten, die NS-Kunst betreffend, manches nicht erklären können, flocht übrigens die Vizepräsidentin Annemarie Renger ein: "Meine Eltern haben mir rechtzeitig gesagt, was Faschismus und Nationalsozialismus einschließlich der Kunst bedeuten ... Es trifft nicht für alle zu, was Sie da sagen." Wenn noch ein Wunsch frei ist – manchmal möchte man im richtigen Augenblick im Parlament lieber weghören oder auch wegsehen können.

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