Walther v. Holländer berichtet hier, was er aus ungefähr achttausend Hörerbriefen an den Rundfunk über den Zusammenhang zwischen materieller Not und Nationalismus herauslesen konnte.

Nach einer vierwöchigen Reise durch Deutschland schrieb mir eine politisch interessierte Engländerin als Ergebnis ihrer Umfragen und Unterhaltungen, daß der Nationalismus in Deutschland wieder in Hochblüte stände, ja, daß sogar der Nazismus sich wieder queckenartig ausbreite. Die Deutschen stunden, so meinte sie, geistig und politisch wieder etwa im Jahre 1923, und die Zeit der Fememorde könne nicht mehr fern sein. Ich antwortete ihr aus den Erfahrungen meiner achttausend Briefe, daß ihre Eindrücke ungenau seien und daß sie mit ihren Unterhaltungen Pech gehabt haben müsse. Ich glaube sagen zu können, daß von einem grassierenden Nationalismus nicht die Rede sein kann. Im Gegenteil: im Laufe des Jahres, in dem ich die Briefe empfing und bearbeitete, war ein deutliches Absinken des Nationalismus zu verspüren. Je mehr die Lebensverhältnisse sich konsolidierten und normalisierten, um so ruhiger, um so sachlicher, um so seltener wurden nationalistische Stimmen. Es besteht ein ganz enger Zusammenhang zwischen Not und Nationalismus dergestalt, daß heutzutage materielle Not, materielle Mißstände und Ungerechtigkeiten die Menschen kaum mehr wie früher ins Lager des Kommunismus treiben, sondern zeitgemäß ins Lager des Nationalismus.

Während noch vor 20 Jahren nach der Durchschnittsmeinung der Depossedierten und Besitzlosen die bösen Kapitalisten an allem Unglück der Welt schuld waren, sind es heute die Alliierten und vor allem die „Quislinge“ unter den Deutschen, das heißt die Parteien, die Minister, der Rundfunk und die Presseleute, die das Malheur im deutschen Leben anrichten und vergrößern. Gegen die Alliierten und gegen diese sogenannten Quislinge (zu denen dann jeder gehört, der nicht unbändig auf die Alliierten schimpft) richten sich etwa 20 v. H. der Hörerbriefe.

Eine Gruppe, die sich im Laufe des Jahres immer stärker und immer klarer zum Worte meldete, waren die Vertreter der konservativen Idee. In meist sehr vorsichtigen, fast immer fundierten Ausführungen wurde für Begriffe wie Tradition, Preußentum, Notwendigkeit einer Führungsschicht, für die Zusammenhänge zwischen Besitz und Bildung plädiert. Es waren auch einige Briefe darunter, die in vorsichtiger Form und unter Anerkennung der Fehler der untergegangenen Monarchien für eine Restauration der Monarchie eintraten. Kaum ein Brief verlangte etwa für den Adel wieder die Führung. Meist wurde freimütig anerkannt, daß und warum der Adel seine Führungsaufgaben verfehlt hat. Es wurde aber immer wieder darauf hingewiesen, daß gewisse Führungsfähigkeiten des Adels, gewisse Eigenschaften, wie 3efehlenkönnen, Einsicht, Überblick und eine heitere Liberalität, für eine kommende Führungsschicht wichtig sein könnten. Auf die Qualitäten des geistigen gehobenen Mittelstandes, auf die Tatsache zum Beispiel, wie viele bedeutende Menschen aus Pastorenhäusern, aus Gelehrtenfamilien und auch aus den Familien des nicht allzu ostelbischen Großgrundbesitzes stammen, wurde immer wieder aufmerksam gemacht.

Die 8000 Briefe haben zwar keine umwälzenden Überraschungen ans Licht gebracht, aber sie zeigen doch einen allgemeinen Geisteszustand, eine Einsicht und eine Uneinsicht, die einigermaßen von dem abweichen, was man im allgemeinen als öffentliche Meinung ansieht und verkündet. Man kann einfach nicht sagen, daß die Grundüberzeugungen des deutschen Volkes schlecht, ungerecht, imperialistisch, nationalistisch, rafferisch und dumm sind, obwohl es dumme, rafferische und imperialistische Meinungen genug gibt. Man muß vielmehr sagen: es ist ein um Gerechtigkeit und Wahrheit, um ein anständiges Leben, um eine Bewältigung der ungeheuer schweren Probleme unserer Zeit ringendes Volk, das, wie alle Völker, einer guten Führung, einer starken, humanen Erziehung und Beeinflussung bedarf und sie endlich auch verdient hätte.