Von Karl-Heinz Janßen

Und wenn es keinen Fleck mehr in Europa geben sollte, den die Deutschen nicht verwalten, so wird eine wahre Völkerwanderung nach den Ländern über See eintreten, wer weiß wohin, jedenfalls an Orte, die vor den Deutschen sicher sind ... Außerhalb der Grenzen von Neu-Germanien aber dürfen sich die Deutschen nicht sehen lassen. Sie müssen fliehen, oder die andern weichen aus."

Wer hat das wann gesagt? Wer war’s? Bis jetzt war das eine unbeantwortbare Tratschke-Frage. Aber nun haben ein Historiker des Instituts für Zeitgeschichte und ein kleiner Verlag 75 Jahre nach dem Attentat von Sarajewo, das den Ersten Weltkrieg auslöste, eine Ehrenrettung vorgenommen und eine Schrift neuaufgelegt, die in Deutschland so gut wie unbekannt geblieben ist, das Tagebuch, das ein Krupp-Direktor in den ersten Kriegsmonaten geführt hat: Wilhelm Muehlon: "Ein Fremder im eigenen Land".

Zum erstenmal erschien es im Frühjahr 1918 – die Niederlage des deutschen Kaiserreichs war bereits absehbar – in der Schweiz, wohin der Autor emigriert war. Jenes Zitat sei – so steht es in einem Brief des Generalfeldmarschalls von Hindenburg (der alles unterschrieb, was ihm sein Gehilfe Ludendorff, der heimliche Diktator Deutschlands, und die Obristen im Generalstab aufsetzten) – "die schamloseste Verleumdung deutschen Wesens". Er beschwerte sich, daß jemand "derart Ungeheuerliches in einer Zeit höchster nationaler Begeisterung und Aufschwunges fühlen und niederschreiben konnte", noch dazu einer, der als junger Jurist im Auswärtigen Amt angefangen hatte, von dort zu Krupp delegiert worden war und rasch Karriere gemacht und in den ersten Kriegsjahren noch geheime diplomatische Aufgaben erledigt hatte. Seither mußte Muehlon mit dem Odium des Landesverräters und Psychopathen leben (im Rußland der Breschnjew-Ära wäre so ein Dissident in eine Nervenklinik eingewiesen worden). Für Pazifisten, Demokraten und Sozialisten hingegen verkörperte er das moralische Gewissen der Nation, das andere Deutschland. Er war – dank seiner Position – zum Mitwisser der deutschen Kriegsschuld geworden.

Mitte Juli 1914 hatte Muehlon bei einem Besuch in Berlin erfahren, daß der Kaiser und die Reichsleitung Anfang des Monats dem österreichischen Sondergesandten Graf Hoyos zugesagt hatten, das Habsburgerreich könne bei dem geplanten Straffeldzug gegen Serbien, wo man die Drahtzieher des Terroristenanschlags vermutete, voll auf die Rückendeckung seines deutschen Verbündeten zählen. Muehlon fand es unglaublich fahrlässig, daß die Wilhelmstraße den Österreichern einen Blankoscheck ausgestellt und gar nicht habe wissen wollen, was in dem Ultimatum an Belgrad stehen würde. Mittlerweile steht fest, daß die Deutschen doch noch den Inhalt des Ultimatums erfuhren und daß gerade sie es waren, die auf brutale Weise Politiker und Militärs in Wien zum Kriege drängten, mit dem Risiko, daß zu neunzig Prozent Wahrscheinlichkeit der Angriff auf Serbien den europäischen Krieg entfesseln würde. Muehlon hörte danach von Krupp, daß dieser vom Kaiser persönlich auf den kommenden Krieg vorbereitet worden war, während ganz Europa noch nichtsahnend den schönen Sommer genoß.

Muehlon hat sich nicht einen Augenblick Von dem Taumel der Kriegsbegeisterung anstecken lassen, der Anfang August das deutsche Volk – auch viele Wähler der Sozialdemokraten – erfaßte, weil die Massen der Propagandalüge vom aufgezwungenen Verteidigungskrieg aufgesessen waren und ihrem Haß gegen die Moskowiter Horden, gegen die revanchelüsternen Franzosen und die perfiden Engländer die Zügel schießen ließen.

Vielleicht mußte man, wie Muehlon, welsches Blut in den Adern haben, als fränkischer Gutsbesitzersohn in einem bayerisch-liberalen Umfeld aufgewachsen sein, als junger Mann bereits Frankreich, Italien und Amerika kennengelernt und als kritischer Industriemanager die Zusammenhänge zwischen Kapital, Militär und Politik durchschaut haben, um mit unerbittlichem moralischem Ernst das Verbrechen des Krieges anzuprangern und mit unbestechlichem Blick den geistigen Verfall der wilhelminischen Gesellschaft voller Abscheu zu registrieren.