Leise knarrend öffnet sich das Eichentor der winzigen Moschee. Ein bärtiger Mann, gehüllt in ein schwarzes Gewand, steckt seine Nase prüfend in die finstere Nacht. Es ist 2 Uhr früh, still und verlassen liegen die staubigen Gassen von Göreme vor ihm. Unter den ärmlichen Dächern ihrer Lehmhütten ruhen Bauern, Händler und Ziegenhirten in tiefem Schlaf.

Jawohl, die rechte Stunde ist gekommen: Der Diener Mohammeds huscht nach draußen. Flink bindet er sich eine Trommel vor den Bauch und eilt zum Hof des nächsten Bauern. Plötzlich reißt er die Arme empor, stößt einen gellenden Schrei aus und beginnt, als sei ihm der Teufel in die Knochen gefahren, auf sein Instrument einzudreschen. Kaum ist der Trommelwirbel verhallt, springt die dunkle Gestalt zum Hoftor, hämmert mit der Faust gegen das Holz, daß die Riegel nur so scheppern. „Wacht auf, füllt eure Eßnäpfe, der Sonnenaufgang naht“, scheucht er die Hausbewohner von ihren Lagern.

Ohne auf eine Antwort zu warten, huscht der Trommler zum nächsten Haus, wieder dröhnen Rufe und Schlagzeug durch die Nacht. Endlich macht jemand hinter einem Fenster Licht, Frauen husten, ein kleines Kind fängt an zu jammern, irgendwo kräht ein verschreckter Hahn. Der nächtliche Ruhestörer indes hetzt weiter, bis auch der letzte Winkel des Dorfes zum Leben erwacht.

Einen Monat lang, immer im Frühjahr, werden die Leute in dem kleinen kappadokischen Nest so aus dem Schlaf gerissen, Nacht für Nacht. Und niemand wagt, etwas dagegen zu sagen. Denn die Trommler lärmen im Auftrag von Allah, dem Allmächtigen. Es ist Ramadan, der heilige Fastenmonat der Moslems. Die strengen Regeln des Islam verbieten in dieser Zeit jedem Mohammedaner, vom Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang irgendeine Speise anzurühren. Auch Trinken, Rauchen und die Freuden der Liebe duldet Allah nicht. Damit die Bauern aber nicht auf den Feldern umfallen, läßt der Imam sie rechtzeitig aus den Federn holen. So können sie noch vor dem ersten Sonnenstrahl frühstücken.

Wenig später ist es endgültig vorbei mit der Nachtruhe in Göreme: Es ist gerade 3 Uhr, da rufen die Muezzins per Lautsprecher zum ersten der fünf Gebete des Tages. Kaum ist ihr Gesang verklungen, trotten Reiter durchs Dorf, holpern Eselskarren über die steinigen Wege. Im Osten schimmert das erste Licht des Tages.

Zu dieser Stunde sind die Bauern von Göreme noch unter sich. Sie tun das, was sie von ihren Vätern und Großvätern gelernt haben: sich früh vom Nachtlager erheben, hinaus auf die Felder ziehen und mit Pferd und Holzpflug dem kargen Boden das abringen, was die Familie zum Überleben braucht, im Glauben an Allahs ewige Güte.

Erst viel später erwacht das andere, das „neue“ Göreme: Teppichhändler ziehen klappernd ihre Rolläden auf, Souvenirverkäufer ordnen Silber und Goldschmuck auf ihren Tischen. Minibusse knattern durch die Gassen, und die ersten Fremden blinzeln in die grelle Vormittagssonne. Jetzt steht auch Mustafa auf. Dem 21jährigen brummt noch der Kopf vom vielen Bier des letzten Abends. „Wie kannst du so gut schlafen bei diesem Lärm?“ frage ich ihn. „Lärm? Du meinst die Trommler?“ Mustafa lacht: „Die höre ich schon lange nicht mehr.“