ARD, Donnerstag, 22. Juni: "Gesucht wird... der Plutoniumtod"

Filme dieser Art werden vielleicht, wenn alles gutgeht, in ferner Zukunft als Zeugnisse einer barbarischen Frühzeit bestaunt. So wie wir es heute kaum fassen, daß einst K-äuterweiber als Hexen verbrannt wurden, geradeso wird es späteren Geschlechtern ob der Barbarei unserer Epoche schaudern: Damals spaltete man den Atomkern, nutzte die entstehende Energie und nahm die enorme Gefahr für Leib und Leben, die diese Technik begleitet, in Kauf. Plutonium zum Beispiel, ein mörderisches Schwermetall, das nicht die Naur, sondern die Atomphysik in die Welt gesetzt hat – jeder Kontakt mit ihm ist eine Kontamination, in Spuren schon zerstrahlt es die menschlichen Zellen.

Die Atomindustrie brüstete sich mit ihren Sicherheitsmaßnahmen, Unfälle kämen nicht vor. Und doch gerieten Chemiker, Laboranten, Gebäudereiniger immer wieder in tödliche Berührung mit Plutonium. Die Vergifteten starben einen langsamen Strahlentod. Und die Industrie, die beispielsweise Alkem heißt oder KWU oder Euratom, die hört, sieht und sagt nichts. Daß einem ihrer Arbeiter eine verkrebste Lunge entfernt werden mußte, lag an ihm selbst: Er rauchte. Auf den Gräbern dieser Opfer aber gediehen keine Blumen. Einige konnten nicht einmal beigesetzt werden, so stark strahlten ihre toten Körper. Sie wurden als radioaktiver Sondermüll entsorgt.

Filme dieser Art werden heute gedreht – gegen den enormen Widerstand unserer barbarischen Frühzeit. Der Sprecher von Siemens/Alkem verkündet, es gäbe keine geschädigten Mitarbeiter: "Wir sind stolz auf diese Bilanz." Krankenblätter bleiben leer, zur Autopsie eingesandte Organe verschwinden spurlos, Strahlenpässe werden umgeschrieben, Auskünfte verweigert, und bei der Industrie beschäftigte Strahlenschutzleute stottern ins Mikrophon, allenthalben ergänzt und verbessert von achtsamen Pressesprechern. Diese Szene ist ein Dschungel, und Reporter wie Christoph Maria Fröhder, die sich reintrauen in das Gestrüpp aus Fehldiagnosen, Dementis, unterdrückten Indizien, widersprüchlichen Expertisen, Todesnöten und Lebenslügen, sie sind die Helden unserer schaudernmachenden Zeit.

Filme dieser Art sind heute, wo Sentimentalität als kindisch und Erschütterung als seltenes Ereignis gelten, Filme zum Weinen. Sie treiben zu Tränen, auf die keine Erleichterung folgt. Sie dokumentieren Tragödien ohne Katharsis, Schrecken ohne Moral, Verbrechen ohne Sühne. Necati Demirci heißt der türkische Arbeiter, der bei Nukem und KWU als Putzmann tätig war. Er reinigte einen verseuchten Abwasserkeller und sogenannte Handschuhkästen, in denen mit Plutonium experimentiert worden war. Heute ist der Vierziger aschgrau, mager, todkrank. Ein Lungenflügel, von Krebsgeschwülsten zerstört, wurde ihm entfernt. Necati Demirci wird gar nicht gewußt haben, auf was er sich einließ, als er einst seinen Job antrat. Vermittelt hat ihn die Reinigungsfirma Otto Böhm, die bei den Atomfabriken wegen ihrer rasch auswechselbaren Kolonnen mit den vielen Ausländern beliebt ist. Die Firma Böhm ist nicht bereit, Fröhder und seinem Team ein Interview zu geben. Sie schickt einen diskreten Herrn ans Krankenbett von Necati Demirci: Wenn er seine Anzeige zurückziehe, werde man großzügig sein.

Womit? Mit Blumen am Grabe? Aber die würden vermutlich sofort verdorren.

Barbara Sichtermann