Die Zuschauertribüne ist dicht besetzt. Kopf an Kopf stehen und hocken die Menschen entlang der Absperrung. Durch ihre Reihen schleicht auf Zehenspitzen ein Eisverkäufer. Die Sonne brennt. Die Menschen schwitzen und schweigen. Kein Lachen. Kein Husten. Kein Knistern von Papier. Stille.

Ganz genau wie bei einem Liederabend mit Dietrich Fischer-Diskau. Nur daß wir uns unter freiem Himmel befinden und statt des sensiblen Baritons ein noch viel sensibleres Pferd gerade nach links traversiert und danach abwechselnd in starken und versammelten Trab übergeht. Auch beim Dressurreiten in Aachen würde das Umblättern einer Programmseite Pferd, Reiterin und wenigstens hundert Zuschauer empört aufblicken lassen. Alle Augen sind auf die vier langen, schwarzen Beine gerichtet. Sogar der Wallach guckt sich konzentriert auf die Füße.

Hinter der Tribüne steht der große, blaue Übertragungswagen des Westdeutschen Rundfunks. Darin arbeitet auf engstem Raum die WDR-Equipe an hochempfindlichem Computer-Equipment: drei Techniker und der Sport- und Fernsehjournalist Hans-Heinrich Isenbart. Zwei Stunden Dressurreiten sollen für die Sportschau auf sieben Minuten zusammengeschnitten und kommentiert werden.

"Nee, nich den ollen Wolff. Der will da bloß mit aufs Bild. Wir fangen an, wo der Neckermann die Tasse Kaffe kricht", dröhnt in feinstem Hamburgisch Hans-Heinrich Isenbart durch den Wagen. "Daaaah. So! Und nun das erste Pferd. Ausreiten lassen, in Gottes Namen. Ich will das Bein sehen, wie’s ins Bild kommt." Keine harten Schnitte am Pferd.

Rund vierzig Jahre ist er im Beruf, begann als freier Mitarbeiter beim NWDR, war junger Volontär unter Peter Bamm, baute bei Radio Bremen 1960 das Fernsehen auf und leitete diese Abteilung vierzehn Jahre. Koordinator für Sport der Programmdirektion Deutsches Fernsehen war er danach bis 1987. "Ein diplomatisches Amt, bei dem es darauf ankam, die Kollegen von ARD und ZDF dazu zu bringen, das zu machen, was ich für am besten hielt."

Das Fernsehpublikum kennt ihn und kennt ihn nicht. Ein Fernsehstar, der so gut wie nie zu sehen ist, aber dessen Worte und dessen Stimme Dressurreiterei und Springturnier gerade all denen nahegebracht haben, die noch nie auf einem Pferd saßen und auch nie auf einem Pferd sitzen wollen, aber mitgerissen von Hans-Heinrich Isenbart dieser sportlichen Inszenierung aus Wettkampf und Tierliebe nun anhängen. Hören sie ihm zu, haben sie alle das gute Gefühl, genau zu verstehen, was sie sehen, und etwas gelernt zu haben. Noch bevor eine Frage aufkommen kann, hat Isenbart sie beiläufig beantwortet. "Die Hinterhand ist nicht ganz so erhaben, wie sie sein sollte, aber ganz taktsauber. Fünfzehn Galoppwechsel à tempo. Und fünf Richter müssen es sein. Sie zählen jeden einzelnen Sprung mit. Ist das Miterleben oder Fehlergucken? Es ist ja auch die Frage, wie der Freund unterm Sattel letzte Nacht geschlafen hat und wie er sich heute fühlt."