Von Dorothea Hilgenberg

Den entdeckungsfreudigen Kulturfreund, der, auf der Suche nach dem morgenländischen Charme Andalusiens, westlich von Malaga die Küstenstraße entlangfährt, den empfängt erst einmal die herbe Wirklichkeit der Costa del Sol: Betonquader vor blauem Meer – Torremolinos, Montenar, Fuengirola ... Hotel-, Appartement- und Bungalowanlagen, die später bei Marbella durch neo-arabischen Prunk ins Pompöse gesteigert werden. Der Urlauber passiert scharf bewachte Residenzen, üppig bewachsene Ferienparks, Banken mit minarettartigen Türmen und zeltförmige Shopping-Zentren. Saudiarabisches Investment auf maurischem Grund.

Bei San Pedro endlich biegt eine kleine Straße ins andalusische Hochland ab. Sie schlängelt sich an blühenden Gärten und fruchtbaren Weiden vorbei, an Häusern, die von stattlichen Zypressen und hohen Palmen beschattet werden, und bahnt sich ihren Weg durch karstiges Gelände und das Geröll aufsteigender Kalkfelsen. Fast jede Straßenbiegung gibt den Blick frei auf die kräftigen Blautöne des Mittelmeeres. Am Horizont – fast unwirklich – der Felsen von Gibraltar, darüber ein zartes Wolkenband und schon im Dunst: Marockos nördlichster Bergrücken – Afrika.

Über die Meerenge hat 711 der Berberfürst Tarik übergesetzt und in El-Andalus, im Land des Westens, eine 800 Jahre währende Hochkultur begründet. Vielleicht haben er oder die Omajaden-Emire auch schon die Route benutzt, auf der sich der Tourist nun den verwunschenen Plätzen Andalusiens nähert. Von überall waren die wechselnden Herren des sonnenbeschienenen Landstrichs gekommen, Goten, Römer, Phönizier, Griechen und Iberer waren da, doch kein Volk hat so viele anmutige Erinnerungen hinterlassen wie die Araber mit ihrem Städtebau. Ihr Stil wurde von späteren Architekten aufgegriffen und lebte in Schlössern und Klöstern weiter.

Unser Ziel, der Parador von Arcos de la Frontera, ist ein solches Kleinod. Der Palast gehörte einst einem Kronfeldherrn und wird deshalb „Casa del Corregidor“ genannt. Heute ist er eines der Staatshotels, die Besucher aus ganz Europa anziehen, denn sie bieten beides: Ambiente und Aussicht. Zu Füßen des auf einem Bergfelsen thronenden Paradors von Arcos breitet sich die fruchtbare Huerta aus, bewässert vom Guadalete, der später Sonnenblumenfelder und Weingärten durchzieht, bevor er das Sherry-Gebiet von Jerez de la Frontera erreicht und sich bei Puerto de Santa Maria in den Atlantik ergießt. Hier oben am Hauptmarktplatz stehen noch die Kathedrale und die Stadtpräfektur – ein Platz für Gäste, Gläubige und die Sachwalter des Gemeinwesens.

Der Parador, das Wort aus dem Altspanischen bedeutet Unterkunft, präsentiert sich aber nicht nur als exquisit gelegenes Hotel, sondern er Ermittelt Lebensart und Geschichte. Die Paradores sind Burgen, Schlösser, Herrensitze und Klöster, vor allem aber sind sie ein ungewöhnlich phantasievolles Instrument staatlicher Denkmalschutz- und Fremdenverkehrspolitik. 1926 hatte der Marques de Vega-Inclán König Alfons XIII. vorgeschlagen, die armen Regionen mit Staatshotels zu unterstützen und diese in historischen Gebäuden zu errichten, die sonst dem Verfall preisgegeben wären. Heute hat der Staat 83 Paradores, 16 allein in Andalusien, keiner von ihnen liegt mehr als 150 Kilometer vom anderen entfernt.

Die Vier-Sterne-Idyllen mit ihrer überschaubaren Zahl von Zimmern sind dem spanischen Staat soviel wert, daß zuweilen ein Vermögen für die Erneuerung ausgegeben wird. Einige Kastelle wurden sorgfältig rekonstruiert und fügen sich harmonisch in das Stadtbild ein.