Wissen sie noch, was sie tun? Selbst die Minister der DDR sind von Gorbatschows Werben für Demokratie und Menschlichkeit so erwärmt, daß der Kulturminister, Hans-Joachim Hoffmann, den Schriftstellern, die sein Staat vertrieben hat, die Schalmei bläst: "Alle jene, die zurückkommen wollen, werden jederzeit einen Platz bei uns finden." Auch ihre Bücher? Ehe das große Kofferpacken beginnt, sollten wir den ministeriellen Nachsatz genau lesen: "Auch in Zukunft werden wir nicht alles drucken. Wir sagen das so relativ schamlos, weil für uns die Herausgabe von Büchern eine politische Handlung ist."

Nicht nur relativ, sondern absolut schamlos hat Hoffmanns Kulturstaat eben ein "Lustspiel" verboten, das mit dem Segen der Zensurbehörde doch gedruckt worden ist. Das in Bautzen uraufgeführte, im März-Heft der Bühnenzeitschrift der DDR, Theater der Zeit, gedruckte Stück von Jürgen Groß, "Revisor oder Katze aus dem Sack", ist nach nur drei Vorstellungen in Potsdam wegen "politischer Untragbarkeit" abgesetzt worden. Was ist so untragbar für einen Staat am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts? Daß eine junge DDR-Bürgerin klagt: "Ich finde mich damit ab, daß meine progressiven Herrschaften schlichte, abgestandene, rote Spießer sind?" Oder kränkt die Obrigkeit dieser Dialog: "Haben wir noch einen Feind im Imperialismus? – Warum fragst du mich nicht, haben wir noch Freunde im Sozialismus?"

Nun hat er sieben Jahre warten müssen, der 1946 geborene Jürgen Groß, bis seine Variation von Gogols "Revisor", das sanft satirische Lustspiel von 1981 überhaupt auf die Bühne kommen durfte – und schon greifen die Revisoren der DDR nach dem Stempel "Verboten!" Ja, da kommt in der Potsdamer Fassung von 1989 einer aus Moskau und prahlt: "Ich war dort, wo der gefürchtete Teil unserer revolutionären Massen den Neuanfang studiert. ... Der Sozialismus ist so unberechenbar wie unverständlich." Gipfel revolutionärer Frechheit im Biedermeierland der roten Spießer ist die Frage: "Darf neuerdings ein Jedermann in unserer Stadt ein offenes Wort in aller Öffentlichkeit lesen?"

Nein, darf er nicht – auch wenn Theater der Zeit das Stück so lobt: "Der Vorhang schließt sich vor den im Bodensatz von Anbiederung und Denunziation watenden Provinzgrößen ... Der Revisor, in Wahrheit ein aus dem Gefängnis entlassener Bauarbeiter, der sich kritischen Geist und gesundes politisches Empfinden bewahrt hat." Das Potsdamer Programmheft rühmt, "wie schlechtes Gewissen und panische Angst sich ihr Schreckgespenst immer wieder selbst schaffen und zu unglaublich grotesken Verhaltensweisen führen".

Unglaublich grotesk: Zur selben Zeit, da das Scherzstück von Groß für die DDR-Provinz gesperrt wird, reist die Renommierbühne der DDR, das Ensemble des Deutschen Theaters aus Ost-Berlin, mit Heiner Müllers "Lohndrücker" (1956) zum Festival "Theater der Welt" nach Hamburg. Und was hören wir im dreißig Jahre später eingefügten, mit einem "Hilfe!"-Schrei endenden Monolog eines Beamten der Staatssicherheit? "Ich hatte einen Traum. Es war ein Alptraum. Ich wachte auf, und alles war in Ordnung ... Das ist das Ende ... Die Mutter der Ordnung ist die Ordnungswidrigkeit. Der Vater der Staatssicherheit der Staatsfeind ... Ein Königreich für einen Staatsfeind!"

Jürgen Groß, alles andere als ein "Staatsfeind", muß nicht verzagen. Es besteht die Chance, daß unter Umständen etwa in hundert Jahren vielleichtsein "Revisor" in der DDR möglicherweise wieder auf die Bühne kommen darf. Hat nicht Hoffmanns Kulturministerium dieser Tage eine Gedenktafel am Geburtshaus der Schriftstellerin Hedwig Courths-Mahler in Nebra an der Unstrut bei Halle anbringen lassen? Damit ist eine allzeit fleißige Schreibmamsell rehabilitiert, deren literarisches Œuvre das Schriftstellerlexikon der DDR von 1972 noch als "Schundromane", als "Inbegriff des literarischen Kitsches in der imperialistischen Ära" geschmäht hat. Rolf Michaelis