Der Hilferuf kam am späten Freitag abend. „Ein verzweifelter Physikstudent suchte händeringend jemanden, der ihm bis Montag früh 120 Seiten seiner Diplomarbeit tippen konnte“, erinnert sich Thomas Steffany an den bisher spektakulärsten Auftrag für sein „Einmann-Schreibbüro“. Der angehende Physiker hatte zwar die kompliziertesten Versuchsreihen mit Bravour durchgeführt, war jedoch mit seinem Latein schnell am Ende, als er die Ergebnisse sauber abtippen sollte. Notfällen wie diesen verdankt Thomas Steffany einen ansehnlichen Nebenverdienst. Seit fünf Jahren tippt der Student Dissertationen, Diplom- und Magisterarbeiten ab und gehört damit schon zu den alten Hasen in der noch jungen Branche der Schreibagenturen und -büros.

Klangvolle Namen wie „Online-Büroservice“, „Allround-Sekretariat“ oder „ABC-Data-Pool“ suggerieren Professionalität und lassen mit aller erdenklichen High-Tech ausgerüstete Agenturen vermuten. Doch abgesehen von wenigen Profi-Schreibcentern, die sich auf bestimmte Fachbereiche und Aufträge aus der Wirtschaft spezialisieren, ist der Markt in der Hand von Sekretärinnen und Studierenden, die sich nach Feierabend an ihren eher bescheidenen Personal-Computer setzen.

Der Siegeszug der Textverarbeitung sorgte für starke Konkurrenz: „Wer ein halbwegs leistungsfähiges System hat“, so Steffany, „und mit mehr als zwei Fingern tippen kann, macht heute ein Service-Büro auf.“ Folge: Das große Angebot drückt die Tarife: Durchschnittlich drei Mark je Seite bezahlt man heute, Preise von fünf bis sieben Mark werden heute allenfalls noch in Provinzstädten mit kleinen Fachhochschulen gezahlt.

Im immer härteren Wettbewerb um Schreibaufträge entscheidet der Faktor „Schnelligkeit“. Den meisten Kandidaten sitzt der Abgabetermin beim Prüfungsamt im Nacken, und die Schreibbüros spekulieren natürlich mit diesen Nöten: Mit Handzetteln („Wir wissen nicht, was dieser freundliche Professor bei Examensstreß empfiehlt, wir empfehlen unseren Schreibservice“) werben ihre Mitarbeiter in Instituten und Repetitoriumskursen. „Es gehört einfach zum guten Ton, tippen zu lassen, und steigert das Selbstwertgefühl ungemein“, lautet der Kommentar eines angehenden Juristen zu dem „hochherrschaftlichen Gebaren so mancher Kommilitonen“. Der Kritiker – selber im siebten Semester – ist zumindest an der Münsteraner Universität einer der wenigen Jurastudenten, die bisher noch jede Hausarbeit auf der eigenen Schreibmaschine getippt haben. Auch bei seiner Staatsarbeit will er auf die Mitarbeit fremder Hände verzichten. Wie wenig solche Vorsätze im Examensfall wert sein können, mußte Andreas erfahren. Kurz vor seiner Diplomarbeit hatte der Volkswirtschaftsstudent noch einen Schreibmaschinenkurs absolviert, „denn während des gesamten Studiums war ich nicht in die Verlegenheit geraten, auch nur ein einziges Blatt in die Maschine zu spannen.“ Am Ende nutzte ihm das frischerworbene Wissen freilich nichts: Das umfangreiche Thema der Arbeit und ein kaum noch zu überblickender Berg an einschlägiger Literatur hatten ihn so in Bedrängnis gebracht, „daß ich zum Abtippen einfach keine Zeit mehr hatte“. Angehenden Soziologen, Politologen, Pädagogen und Psychologen ergeht es oft ebenso; nicht ohne Grund kommt ein großer Teil der Schreibbüro-Kunden aus sozial- und geisteswissenschaftlichen Fächern, in denen Magisterarbeiten mit mehr als 300 Seiten Text, aufwendigen Tabellen und Graphiken keine Seltenheit sind.

Ohne Zeitnot hingegen hätte sich Holger an seine Schreibmaschine setzen können. Doch auch der Philosophiestudent im zwölften Semester ließ seine Magisterarbeit per Computer tippen – des besseren Eindrucks wegen. Das Motto „Ein optisch gutes Manuskript sichert schon das halbe Examen“ ist nämlich mittlerweile mehr als nur billige Werbung. Offen räumen Dozenten ein, daß angesichts immer zahlreicherer Studienabschlüsse und umfangreicherer Arbeiten der erste Eindruck eines Textes immer stärker ins Gewicht fällt. Kein Wunder, daß verunsicherte Examenskandidaten glauben, durch Blocksatz, Kursivschrift, Fettdruck und andere Errungenschaften der modernen Textverarbeitung bessere Chancen zu haben. Da sich die Anschaffung eines Personal-Computers, der nach dem Examen in der Ecke verstaubt, jedoch nicht lohnt – leistungsfähige Fabrikate sind unter 3500 Mark kaum zu haben – bleibt nur noch der Gang ins Schreibbüro.

Zuweilen endet dieser Gang jedoch im Gerichtssaal. Mit der wachsenden Zahl von Schreibbüros nimmt auch die Zahl derer zu, die unzuverlässig oder gar mit zwielichtigen Methoden arbeiten: Alexandra P. rettete ihre Diplomarbeit nur mit einer Einstweiligen Verfügung: „Zunächst konnte ich die Arbeit erst zwei Tage später als ursprünglich zugesagt abholen“, erzählt die Geographiestudentin, „dann entdeckte ich schon beim Durchblättern eine ganze Reihe Tippfehler.“ Die Rechnung: Knapp 1800 Mark, fast das Dreifache der vereinbarten Summe. Alexandra P. hatte das Kleingedruckte übersehen, nach dem „ein ungewöhnlich hoher Anteil an Fach- und Fremdwörtern“, „fremdsprachige Passagen“ und sogar „die Mühe beim Entziffern handschriftlicher Texte“ extra zu berechnen sei. Als sie sich weigerte zu zahlen, landete ihre Arbeit erst einmal wieder in der Schublade: „Sie bekommen den Text nur, wenn Sie sofort bezahlen“, war die lakonische Antwort, zu der sich das betreffende Büro heute allerdings nicht mehr äußern will. Nicht jeder hat kurz vor der Abgabe der Examensarbeit die Nerven, gegen solche dubiosen Tricks gerichtlich vorzugehen. Juristen raten jedenfalls, Vorlagen und bezahlte Seiten in Kopie aufzubewahren – als Beweisstücke für einen möglichen Rechtsstreit.

Marco Finetti