Der Fiskus behindert den Verbrauch von umweltfreundlichem Treibstoff

Urlaubsreisende mit Katalysatorautos hatten es bisher in Italien schwer. Sie waren auf wenige Tankstellen längs der Autobahnen und in „fremdenfreundlichen“ Gebieten wie Südtirol angewiesen, die auch bleifreies Benzin anbieten, ohne das die Abgasreiniger nicht auskommen. Viele deutsche, schweizerische und österreichische Urlauber, die mit dem eigenen Auto zu reisen gewohnt sind, haben die Apenninen-Halbinsel deshalb in den vergangenen Jahren gemieden. Nun können sie wieder italienische Provinzen durchstreifen, ohne große Sorgen, daß ihr Wagen aus Spritmangel stehenbleibt.

Seit drei Monaten sind immerhin 7000 von 34 000 italienischen Tankstellen auf „bleifrei“ umgerüstet, denn bis zum 1. April mußte das Land den EG-Richtlinen von 1985 nachkommen, die eine flächendeckende Versorgung mit dem umweltfreundlichen Treibstoff vorschreiben. Die Erdölindustrie investierte dafür 1,4 Milliarden Mark.

Freilich bleibt das Ganze für die italienischen Autofahrer vorläufig ein Aprilscherz, denn noch haben nur ein paar Dutzend im Lande zugelassene Wagen eine Abgasreinigung. Der italienische Autokonzern Fiat, Lieferant von 99 Prozent aller in Italien hergestellten Personenwagen, bietet zwar seit zwei Monaten im Inland auch Fahrzeuge mit Katalysator an, aber ein Geschäft macht er damit noch nicht. Weshalb sollte der Autofahrer auch 1400 Mark und mehr zusätzlich für den Erwerb eines umweltfreundlichen Autos hinblättern, wenn Vater Staat diese Umweltfreundlichkeit nicht einmal mit einer Vergünstigung bei der Kraftfahrzeugsteuer belohnt?

Zudem ist es sogar teurer, ein solches Auto zu fahren. Anders als in der Bundesrepublik ist bleifreies Benzin nämlich in Italien nicht billiger, sondern teurer als verbleiter Kraftstoff. Der Grund: Der italienische Staat kassiert von jedem Liter Bleibenzin 1043 Lire (1,46 Mark) Steuer, beim bleifreien sind es sogar 1047 Lire.

Daß ein europäischer Staat mehr Steuern für umweltfreundliches Benzin verlangt als für umweltbelastenden Sprit, ist ein Unikum in Europa. Da Italien ohnehin je Liter die mit Abstand höchsten Kraftstoffsteuern für Benzin einstreicht – doppelt soviel wie etwa die Bundesrepublik –, versuchen Italiens Autofahrer, bei der Wahl des Kraftstoffs zu sparen. Eine Alternative haben sie nicht, denn die Benzinpreise sind staatlich festgelegt und damit überall gleich. Kein Wunder, daß jeder zum relativ billigsten greift, in diesem Fall zu Bleibenzin. So kommt es, daß nur ausländische Touristen bei den Zapfsäulen mit der Aufschrift Senza Piombo (Bleifrei) vorfahren.

Das Nachsehen bei dieser seltsamen Umweltpolitik Roms haben wieder einmal die Erdölgesellschaften, die ohnehin unter der staatlichen Preispolitik leiden. Die hohen Investitionen für die Umstellung werden sich noch lange nicht auszahlen: Lediglich 0,5 Prozent des verkauften Benzins ist bleifrei. Im vergangenen Jahr wurden in Italien nur hundert Millionen Liter davon verkauft – bei einem Gesamtabsatz von 25 Milliarden Litern in Europa, wo im Durchschnitt mittlerweile jeder fünfte Liter umweltfreundlich getankt wird.