Von Thomas Hallet

Die Idee scheint verblüffend einfach: Zähne kann man vor Karies schützen, wenn die Schmelzoberfläche durch eine Lackbeschichtung konserviert wird. Doch diese „anerkannte und relativ einfache“ Methode zur Kariesverhütung setze sich nicht durch, stellten amerikanische Zahnmediziner kürzlich fest. Mit der Versiegelung der Zahnoberfläche werden Grübchen und Falten der besonders kariesanfälligen Backenzähne durch eine Kunststoffhaut verschlossen. Nur acht Prozent der amerikanischen Schulkinder seien bisher nach dieser Methode behandelt worden, berichtete die New York Times. Dies, obwohl die Versiegelung „äußerst sicher, effektiv und wirtschaftlich“ sei. Anstrengungen der Gesundheitsbehörden, die Versiegelung stärker zu verbreiten, waren bisher nicht erfolgreich.

„Durch die Kombination von Versiegelung und Fluoridierung könnte Karies beinahe eliminiert werden“, sagte ein Vertreter des National Institute of Dental-Research – eine Feststellung, die auch hierzulande auf Interesse stoßen sollte: Weniger als die Hälfte der Jugendlichen unter 25 Jahren hat noch alle Zähne im Mund. In der Bundesrepublik werden zwar immer weniger Zähne gezogen – 1970 waren es 17,2 Millionen, im Jahre 1987 noch 11,5 Millionen. Gleichzeitig stieg jedoch die Zahl der großflächigen Zahnfüllungen von knapp sieben Millionen auf 16,6 Millionen – ein Anstieg um 140 Prozent.

Für die Zahnerhaltung wurden im Jahre 1987 über 5,4 Milliarden Mark ausgegeben. Während andere europäische Länder wie die Schweiz oder Schweden eindrucksvolle Erfahrungen mit Programmen zur Kariesverhütung sammeln, sträuben sich die Deutschen gegen die nachweislich wirksame Fluoridierung von Trinkwasser oder von Kochsalz.

Die Fissurenversiegelung gilt zwar auch unter hiesigen Wissenschaftlern als wirksame Methode zur Eindämmung der Karies, ist aber hierzulande über klinische Studien kaum hinausgekommen.

Die Molaren, wie die Backenzähne in der Fachsprache heißen, bilden einen besonders günstigen Nährboden für die Bakterien, die durch ihre aggressiven Stoffwechselausscheidungen dem Zahnschmelz zu Leibe rücken. Denn diese kräftigen Zähne haben eine besondere Architektur. Beim Aufbau der Zahnsubstanz wirken verschiedene Schmelzbildungszentren an der Zahnoberfläche zusammen, und zwar derart, daß in den aneinanderstoßenden Zonen Falten und Einschnürungen, Spalten und Grübchen entstehen. In diesen natürlichen Aussparungen können die für die sogenannte Okklusalkaries verantwortlichen Bakterien bestens gedeihen.

„Den Bemühungen, die Fissur mit Hilfe der Zahnbürste zu reinigen, sind aufgrund der Morphologie Grenzen gesetzt“, stellt der Hannoveraner Zahnmediziner Werner Kullmann fest: Die Fissuren sind häufig enger als der Durchmesser der Borsten. Bei Kindern im Schulalter entfällt die Hälfte der kariösen Stellen auf den Kauflächenbereich, obwohl deren Anteil an der gesamten Zahnfläche nur 12,5 Prozent beträgt, rechnet der Würzburger Epidemiologe Rudolf Naujoks vor. Während das Verabreichen von Fluoriden den Kariesbefall im allgemeinen vermindert, soll deren Wirkung auf den Fissurenbereich deutlich geringer sein. Eine Versiegelung kann diesen sensiblen Bereich gegen mikrobielle Einflüsse abriegeln und die Karies bei dem besonders anfälligen jugendlichen Gebiß erheblich eindämmen.