Von Michael Krüger

Trotz der "unerschrockenen Anstrengungen der Ratten, die scharenweise in den Bücherregalen leben", dauerte es mehrere Jahrzehnte, bis die erste Auflage von Juan Carlos Onettis Roman "El Pozo" vergriffen war. Jetzt ist dieses düstere Meisterwerk, fünfzig Jahre nach seiner Erstveröffentlichung und rechtzeitig zum achtzigsten Geburtstag des Autors am 1. Juli, in einer mustergültig knappen Übersetzung von Jürgen Dormagen auch für deutsche Leser zugänglich.

Für Onetti-Leser sind die gerade achtzig locker gesetzten Seiten eine wahre Entdeckung, weil in diesem tiefen "Schacht" all die Motive verborgen sind, die in den reiferen Werken des Autors in größerer Breite entwickelt werden: der Doppelgänger, das riskante Spiel mit Raum und Zeit, Realität und Traum, die Sehnsucht nach einem anderen Leben. Aber vor allem wird in diesem ersten von vielen Entwürfen einer Geschichte der Traurigkeit ein Gefühl der Einsamkeit formuliert, wie es ähnlich intensiv aus zwei anderen Romanen bekannt ist: Sartres "Ekel" (1939) und Camus’ "Der Fremde" (1942). Die Parallelen sind frappierend, und man wird bei der Lektüre ständig daran erinnert, daß wir diese Weltliteratur der "Dritten" Welt erst mit unverzeihlicher Verspätung zur Kenntnis genommen haben.

Eladio Linaceros Geschichte, die er am Vorabend seines vierzigsten Geburtstages aufschreibt, in der Mitte des Lebens, ist die stockende, aus vielen Neuansätzen bestehende Beichte eines Entwurzelten, der sich mit zynischem Pathos in die Träume flüchtet. "Ich habe einen Ekel vor allem, verstehen Sie?" – "Die Leute im Hof erschienen mir widerwärtiger denn je." – "Die wenigen Leute, die ich kenne, sind es nicht wert, daß ihnen die Sonne ins Gesicht scheint." In seinem erträumten Gegenleben schreibt er sein "Meisterwerk" – das, so steht zu vermuten, nie zu Ende gebracht werden wird. In diesem Meisterwerk ist von einer Frau die Rede, Ana Maria, die mit dem Erzähler in einer Blockhütte lebt. Aber diese Ana Maria ist wiederum nur das positiv gewendete Gegenbild zu einer anderen Ana Maria, die der Erzähler als junger Mann gedemütigt und vergewaltigt hat. Er kann sie und sich nicht retten, auch nicht durch seine Kunst: "Alles ist vergeblich, und man muß wenigstens den Mut haben, keine Vorwände zu gebrauchen."

Die "wesentliche Einsamkeit", die diese bitteren Seiten imprägniert, ist durch nichts zu retten, durch keine Geschichtsphilosophie, keine Ideologie, keine Partei. Die "Reise ans Ende der Nacht" – Onetti liebt den Roman Célines – endet in einer neuen Nacht, nicht in einer "anderen Wahrheit".

Einer seiner Sehnsuchtsorte in der Schweiz erinnert den Erzähler daran, daß Iwan Bunin, "sehr arm", sich an einem solchen Ort aufgehalten hat, "als er an einem Jahresende die Nachricht erhielt, daß man ihm den Nobelpreis verliehen hatte". – Auch mit achtzig Jahren ist es nicht zu spät.

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