Von Aloys Behler

Der erste von allen war ein gewisser Spencer Gore. Er hielt nicht viel von Tennis Es sei so eintönig, daß jeder gescheite Sportsmann die Finger davon lassen werde, noch ehe er es zu einiger Fertigkeit gebracht habe, meinte er herablassend nach seinem Sieg. Schwamm über Mr. Gore und seine falsche Prognose. Es ist 112 Jahre her; Queen Victoria war gerade Kaiserin von Indien geworden.

Der zweite Sieger von Wimbledon war ein ceylonesischer Teepflanzer auf Ferienreise, der dritte ein Pfarrer aus Yorkshire. Dieser Reverend Hartley hatte mit seinem Erfolg bei Gott nicht gerechnet, und so mußte er zwischen Viertel- und Halbfinale mal eben 400 Kilometer zurücklegen, um die Sonntagspredigt nicht zu versäumen. Sein Gegner im Endspiel war ein Ire namens St. Lager Gould, ein eher unfrommer Herr, den man ein paar Jahre später in Monte Carlo dabei erwischte, wie er eine reiche Witwe zerstückelte, was ihm ein Finale auf der Teufelsinsel in Französisch-Guayana einbrachte.

Heilige Tradition von Wimbledon, so hat es einmal angefangen. Eine kreative Leere im Beutel der damals noch überwiegend auf Croquet versessenen Herren des All England Clubs gab den Anstoß: Als ihnen im Sommer 1877 die alte Rasenwalze, Geschenk eines Gönners, kaputtging, beschlossen sie, zur Finanzierung der Reparatur ein Turnier im „Lawn Tennis“ zu veranstalten. Am Ende waren zwanzig Pfund Reinerlös in der Kasse – gerade genug, die Walze und die Jahrhundert-Tradition ins Rollen zu bringen.

Noch heute kommt keiner, der sich nach Wimbledon begibt, um die alten Geschichten herum. Sie wabern durch die Ritzen des efeuumrankten Gemäuers der Anlage, die ihre längst baufällige Existenz im Südwesten Londons Jahr um Jahr bravourös behauptet. Kein Bauunternehmer darf es wagen, sich am Genius loci ernsthaft zu vergreifen. Beim Umzug 1922 von der Worple Road an die Church Road hat man die Rasenwalze mitgenommen und sie auf der Anlage als Museumsstück installiert, als Reliquie auf ewig eingemauert, ein symbolischer Magnetpol der Tenniswelt, nach dem sich alle Schläger ausrichten.

Ein As in Wimbledon – und dann sterben. Dieses schöne Wort wird Jean Borotra zugeschrieben, dem alten Musketier aus der Zeit des Tennisrittertums, da man nach dem Match noch aufeinander zuzugehen pflegte mit dem aufrichtigen Kompliment auf den Lippen: „Sie haben heute aber fabelhaft gespielt!“ Die Faszination ist bis heute ungebrochen, wenn auch ein Tennisprofi dieser Tage es vermutlich prosaischer formulieren würde: Nach Wimbledon – und dann siegen.

Es gilt, ungeschrieben und ungerecht, das Gesetz, daß kein Meister des weißen Sports sich wirklich zu den ganz Großen zählen darf, wenn er nicht wenigstens einmal in Wimbledon gewonnen hat, Erfolgserlebnisse in Mixed und Doppel nicht gerechnet. Im Hinterkopf führen die Chronisten des Tennis deshalb immer eine Art Extra-Rangliste der „größten Spieler, die nie Wimbledon gewannen“, eine Reverenz, die keinem anderen Turnier auf der Welt erwiesen wird. Der Deutsche Gottfried von Cramm steht als „der Beste der nie Wimbledon gewann“ in dieser Liste obenan, neben ihm der Australier Ken Rosewall, der „König der Grundschläge“, der 1954, 1956, 1970 und, als fast Vierzigjähriger, noch 1974 im Wimbledon-Finale stand – und immer verlor.