Von Konrad Weiß

Ich kann und mag mich nicht damit abfinden, daß es Deutschland für alle Zeit doppelt geben muß. Der gegenwärtige Zustand ist weniger ein Ergebnis des Zweiten Weltkrieges als vielmehr ein Produkt des Kalten Krieges. Die deutsche Einheit ist Ideologien und Machtinteressen geopfert worden, hier wie dort. Die Gründergeneration in beiden Staaten hat den mühevolleren Weg von Schuldbekenntnis, Reue und Umkehr, von Dialog und Gewaltverzicht gescheut. Dabei mag es politische Unterschiede gegeben haben. In der psychologischen Motivation ihres Separatismus aber sind Adenauer und Ulbricht Brüder.

Zum schmerzlichen Ergebnis des Zweiten Weltkrieges, zum endgültigen Verlust Schlesiens und Pommerns und Ostpreußens kann ich mich vorbehaltlos bekennen; zum schmerzlichen Ergebnis des Kalten Krieges kann ich es nicht. Ich will, daß meine Enkelkinder einmal in einem Deutschland ohne Mauer leben. Politik kann man mit Visionen allein nicht machen. Aber man kann auch keine Politik machen ohne Vision. Mir scheint, bei ihrem Bemühen um die kleinen Schritte haben die Politiker allzusehr auf die Füße geschaut, die eigenen und die der anderen, aber den Blick nach vorn haben sie vergessen. Ich bin kein Politiker, also darf und will ich öffentlich träumen und von meiner Vision sprechen.

Ich will es verantwortlich tun. Voraussetzung jedes Nachdenkens über und allen Handelns für deutsche Einheit ist meiner Ansicht nach dreierlei:

Erstens: Die Außengrenzen, wo wie sie 1945 gezogen wurden, sind für alle Zeit unantastbar. Des müssen sich unsere Nachbarn sicher sein. Deutsche Einheit ist nicht a priori der höchste Wert; Frieden und nächbarschaftlicher Solidarität gebührt immer und unter allen Umständen Vorrang. Nie und nimmer darf eine Antwort auf die deutsche Frage mit Gewalt gesucht werden.

Zweitens: Ein einheitliches Deutschland muß ein schwaches Deutschland sein, schwach und gerade dadurch fähig zu Solidarität und Nachbarschaftlichkeit. Ich wünsche mir ein entmilitarisiertes Deutschland, ein Deutschland, dessen wirtschaftliche Kraft vor allem den Armen dieser Welt zugute kommt, ein Deutschland, dessen nationales Erbe eingebettet ist in eine multinationale Kultur.

Drittens: Die Bemühungen um deutsche Einheit müssen einhergehen mit Bemühungen um die europäische Einheit. Die sogenannte „Europäische Gemeinschaft“, die in Wahrheit eine westeuropäische ist und halb Europa, auch siebzehn Millionen Deutsche, ausschließt, muß so verändert werden, daß alle Europäer, sofern sie wollen, in ihr eine Heimstatt finden können. Diese längst fällige Umgestaltung muß mit der Öffnung und Hinwendung Europas zu den Kontinenten der Zweidrittelwelt verbunden sein.