Mehr als siebzig Arten gibt es in der Welt, in Deutschland brüten drei, doch wer von der Lerche spricht, der meint die Feldlerche. Auch die Dichter meinen sie: „An ihren bunten Liedern klettert die Lerche selig in die Luft“, schrieb Nicolaus Lenau vor 150 Jahren.

Auf dem Rücken liegend, sah ich ihnen zu, wenn sie sich in den blauen Himmel schraubten. Das war im Juni 1941 auf dem westlichen Ufer des Bug, gegenüber der Festung Brest-Litowsk. Ich gehörte einem Kommando an, das die Zahl der russischen Batterien auf der anderen Seite des Flusses ausmachen sollte. Durch Ferngläser beobachtend, hatten wir 51 gezählt, also 204 meist gut getarnte Geschütze. Die Zahl der Lerchen, die von morgens bis abends tirilierend in den Himmel stiegen, war nicht geringer. Noch größer, schien mir, war die Zahl der Eidechsen auf dem sandigen, mit spärlichem Gras bewachsenen Hügel. Wenn Wolken die Sonne verdeckten, krochen sie einem auf die Hand, um sich zu wärmen.

Mit etwa achtzehn Zentimeter Flügelspanne ist die Feldlerche, auch Himmelslerche genannt, etwas größer als die Heide- und als die Haubenlerche. Naumann meinte, sie zu beschreiben sei überflüssig, denn der Vogel sei so häufig, daß niemand ihn übersehen könne. Zwar steht die Feldlerche noch auf keiner Roten Liste, doch daß sie den Himmel verdunkelt wie Starenschwärme im späten Herbst und daß ihr trillernder Gesang wie eine sich stets wiederholende Tonbandschleife über den Fluren erklingt, das ist Vergangenheit. In der Kulturlandschaft wird der Lebensraum des Vogels immer enger.

Spätestens im März kehrt die Feldlerche, die in den Mittelmeerländern überwintert, zurück. Meist sind es größere Trupps, vierzig bis sechzig Vögel. Auf einer Vogelstation in der Neumark sind 1937 die ersten Feldlerchen schon am 4. Februar beobachtet worden, sechs Tage später waren sie in Stettin, zehn Tage später auf den Wiesen und Feldern um Flensburg. Späte Wintereinbrüche treiben sie aber nach Süden zurück. Ein Beobachter damals schrieb: „Nach Süden sich zurückziehende Lerchen fliegen dann schnell, fast hastig, meist lautlos und niedrig, während der nordwärts gerichtete Zug immer recht hoch, mit viel Locken und auch kurzem Gesang vor sich geht.“ – Das ist auch heute noch so.

Die Feldlerche ist ein Bodenbrüter. In Spurrinnen, die Trecker und Wagen der Bauern auf nassen Feldern und Wiesen eingedrückt haben, aber auch in den ausgetrockneten Fußtritten des Weideviehs bauen sie ihr Nest. Ich sah es schon Anfang April in den Furchen von Feldwegen, während daneben die Wintersaat schon vier Zentimeter hoch war. Aus welkem Gras, Stoppeln und Haaren wird ein loses Nest geflochten, in dem das Weibchen drei bis fünf gesprenkelte Eier in zwei Wochen ausbrütet. Zwei Brüten im Jahr sind die Regel, wenn das Nest zerstört wird, auch drei, doch die Gelege werden kleiner.

Daß die Feldlerche alle Brüten hochbringt, wird mehr und mehr zur Ausnahme. Bei Naumann liest sich das so: „Der Mensch selbst tritt an die Spitze ihrer Feinde, zerstört Tausende ihrer Brüten bei seinem Geschäft auf dem Felde, beim Pflügen, Eggen ... und das Vieh hilft ihm dabei, denn manches Lerchennest wird von diesem zertreten, auf der Weide wie im Gespann.“ Dann zählt er jene auf, die dem Vogel und der Brut nachstellen: Fuchs, Marder, Iltis, Wiesel, Ratten, Mäuse, Igel, Katzen und andere. Und schließlich gibt es unter den Greifvögeln einen, den Baumfalk, den man auch Lerchenfalk nennt.

Nur das Lied der Nachtigall hat das Ohr der Menschen mehr entzückt als das der Lerche. Und weil es so ist, gehört die Lerche zu den wenigen Vögeln, die schon im Althochdeutschen einen Namen haben: Lerihha.