Ist dies nun ein Sieg für Felipe González gewesen, der am Schlußtag des Madrider EG-Gipfels noch einmal vor der Presse erscheint und dem die Anstrengung der spanischen Rats-Präsidentschaft buchstäblich im Gesicht geschrieben steht? Der spanische Regierungschef hat nach fast siebenjähriger Amtszeit derart an politischer Statur gewonnen, daß er sich auch in diesem Augenblick weder den Triumph eines Sieges noch das Gefühl einer Niederlage anmerken läßt.

Routiniert, fast in nüchterner Buchhaltermanier hakt er ab, was die zwölf Staats- und Regierungschefs vereinbart haben: Schon am 1. Juli des nächsten Jahres soll mit der Verwirklichung der Währungsunion begonnen werden. Doch über das weitere Vorgehen, besonders über die Übertragung von Souveränitätsrechten der EG-Mitgliedsländer auf ein „europäisches System von Zentralbanken“, wird erst eine spätere Regierungskonferenz entscheiden. „Das herausragende Ergebnis von Madrid ist das weitere Vorgehen in der Wirtschafts- und Währungsunion“, hatte Bundeskanzler Helmut Kohl vor kaum einer halben Stunde gesagt: Auch in der deutschen Delegation wußte zu diesem Zeitpunkt jeder, daß die britische Regierungschefin Margaret Thatcher noch einmal an der drohenden Isolierung vorbeigekommen war. Doch, die „Eiserne Lady“ hat demonstriert, daß sie im umkämpften Delors-Plan einen fatalen Automatismus zur Wirtschafts- und Währungsunion entdeckt – eine ungebührliche Eile, die Margaret Thatcher kategorisch durch Ruhe und gründliche Prüfung ersetzt wissen will.

„Ein gemeinsames europäisches Heer aufzustellen ist wohl leichter als das Prägen einer gemeinsamen europäischen Währung“, hatte Spaniens Außenminister Fernandes Ordonez in Vorauskommentaren gesagt; als ahne er bereits, wie einst Don Quichotte, den imaginären Feind, meinte Felipe Gonzalez: „Ich werde bis zuletzt um das Zustandekommen der Wirtschafts- und Währungsunion kämpfen.“

Möglicherweise haben die als Kapitäne eines forcierten europaeismo in der spanischen Presse gerühmten Politiker Delors, Gonzales und Mitterrand doch gehofft, daß die „Eiserne Lady“ schwach werden könnte. Gleich zu Beginn dieses Gipfels, nachdem Margaret Thatcher fünfzehn Minuten zu früh und François Mitterrand mit der fast traditionellen Verspätung von dreißig Minuten eingetroffen waren, wurden Umfrageergebnisse aus dem Londoner Observer herumgereicht: Danach würde Labour bei Unterhauswahlen vierzehn Prozent gegenüber den Tories gewinnen. War dies nicht ein Indiz dafür, daß das Gros der britischen Wähler die antieuropäische Haltung der Premierministerin nicht mehr akzeptiert?

François Mitterrand hat in der Runde der Zwölf fast ultimativ vor den Folgen gewarnt, die ein Verzögern der Wirtschafts- und Währungsunion hervorrufen könnte; seine Forderung, die drei Stufen des Delors-Plans als eine Einheit zu betrachten und sie nicht zu zerpflücken, wurde freilich kaltblütig pariert. Kein Transfer von „fundamentalen Souveränitätsrechten“ lautet die knappe Antwort aus London. Zuletzt, als Felipe González das sechzehnseitige, bis in den frühen Dienstag morgen ausgearbeitete Kompromißpapier Satz für Satz abhaken will, kommt es gar zur Wortklauberei: Der Halbsatz „stufenweise Einführung“ wird auf britisches Drängen gestrichen, und auch die Regierungskonferenz zur Änderung der Römischen Verträge soll erst dann einberufen werden, wenn „anständige und vollständige Vorbereitung“ geleistet wurde. Wird also Margaret Thatcher im nächsten Jahr darüber entscheiden, ob elf Staats- und Regierungschefs und die Chefs der nationalen Notenbanken ihre Schularbeiten ordentlich absolvierten? Der stille Respekt gegenüber einer Frau, die diesen Gipfel auf einen Minimalkonsens reduzierte, die sogar einen halben Sieg errang – das bleibt dann doch von diesem cumbre europea zurück, während sich die Tore im Palacio de los Congresos schließen. Volker Mauersberger