Sofia Gubaidulina:

„Offertorium/Hommage à T.S. Eliot“

Ihr Name hätte uns schon 1963 etwas bedeuten können, als der Vorsitzende der Prüfungskommission Dmitrij Shostakowitsch der Absolventin des Moskauer Konservatoriums in die Examensgluckwunsche die unorthodoxe Hoffnung einflocht, sie möge „auf ihrem falsch eingeschlagenen Wege weitergehen“. Oder 1979, als ein Schlagzeugkonzert von ihr in Paris für Aufsehen (und zu Hause für hinreichenden Ärger) sorgte. Inzwischen wurde Gidon Kremer zum Propheten dieser Komponistin, die nicht nur ein neues musikalisches Glaubensbekenntnis für die Sowjetunion formulierte, sondern damit manchen sich avanciert dünkenden Westeuropaer überraschte: So viel Kühnheit der Klange wie formale Sicherheit, so viel Phantasie in der Strukturierung wie in der Lebendigkeit der Instrumentation, so expressive Farben wie vitale Rhythmen, so skurrile Wechsel zwischen Zitat, Collage und Montage, so introvertierte Akkord-Ketten und polyphone Komplexe und ironisierende Einsprengsel – wir werden noch viel zu tun haben, um die aufregende musikalische Sprache aus der Tataren-Republik genauer hören und damit besser begreifen zu können; die Faszination indes stellt sich spontan ein. (Gidon Kremer/Violine, Boston Symphony Orchestra, Ltg. Charles Dutoit/Ensemble Lockenhaus 1987; DG 427 336) Heinz Josef Herbort

Enya: „Watermark“ und „The Celts“

New Age hat endlich eine Stimme. Bislang säuselte, zirpte, rauschte und flirrte die Musik zumeist ohne Worte, als Endlostapete aus Soundmustern. Die Irin Enya, unter ihrem bürgerlichen Namen Eithne Ni Bhraonain eine Zeitlang bei der Folkgruppe Clannad tätig, fügt den Klangen, die die Seele weichspülen sollen, nun verhaltene Vokalisen hinzu. Sie gibt sich noch träumerischer als die Folk-Ätherikerin Judy Collins, ist längst nicht so mystisch-sinnlich wie Kate Bush und treibt so den New-Age-Minimalismus der Klangberieselung bisweilen in ein arges Extrem. Auch der Soundtrack zur BBC-Serie „Die Kelten“ von 1986 schwirrt und girrt bedenklich wie Volks-Muzak. Immerhin haben nicht nur Hitstucke wie „Orinoco Flow“ oder „Evening Falls“ einen bizarren Reiz als Synthesizer-Trance-Balladen in modischer Pop-Manier, die die New-Age-Hohepriesterin dennoch wie Märchenweisen aus einer längst versunkenen Welt aufklingen laßt („Watermark“: WEA 243 875-2; „The Celts“: BBC Records/Edelton EDL 2510-2). Barry Graves