Dortmund

Rechtsanwalt Klaus Happe mochte kaum glauben, was ihm die junge Frau schilderte: „Das waren Zustände wie im Frühkapitalismus.“ Gegen ein monatliches Entgeld von 150 Mark im ersten Jahr, 300 Mark plus 96 Mark Fahrtkostenerstattung im zweiten, leistete die 21jährige Elke S. als „Praktikantin“ in einem privaten Altenpflegeheim in Dortmund vierzig Stunden in der Woche Schwerstarbeit. 22 der insgesamt 66 Heimbewohner waren pflegebedürftig, mußten jeden Tag gefüttert und gesäubert, angekleidet und mit Medikamenten versorgt werden. Zu ihren Aufgaben zählten Nachtwachen ebenso wie das Putzen in der Küche und die Wäsche. Überstunden wurden mit 75 Pfennig abgegolten.

Gegen diese Zustände zog der Anwalt vors Dortmunder Arbeitsgericht – und hat gewonnen. Bei der Vergütung von 300 Mark, so der Richterspruch, liege ein „auffälliges Mißverhältnis“ zwischen Leistung und Gegenleistung vor. Nun muß der jungen Frau ein Lohn nachgezahlt werden. „Das Urteil ist schlicht falsch“, winkt Seniorenheim-Anwalt Wolfgang Klette ab. „Das dürfte Folgen haben für Tausende von jungen Leuten, die als Praktikanten in Altenheimen und Krankenhäusern arbeiten.“

Wer in Nordrhein-Westfalen eine Ausbildung zum Altenpfleger beginnen will, muß mehrere Jahre Erfahrung in einem Beruf vorweisen. „Und die“, sagt Wolf gang Klette, „kann man sich eben auch mit einem Praktikum aneignen.“ Weil die Ausbildungsplätze knapp sind, müssen nicht wenige Altenpflege-Anwärter bis zu drei Jahren warten. Achtzig Prozent überbrücken die Zeit mit einer Pflegetätigkeit.

Diese Entwicklung stößt im Arbeits- und Sozialministerium der Länder auf großes Unbehangen. „Aufgrund des großen Andrangs ist es den Pflegeschulen gelungen, klammheimlich die Ausbildungsvoraussetzungen zu erweitern“, schimpft man in Düsseldorf. „Wir weisen immer wieder darauf hin, daß die Schulen ein Vorpraktikum nicht verlangen dürfen. Aber wie sollen wir verhindern, daß die jungen Leute vor ihrer Berufsausbildung in Pflegeheimen oder Krankenhäusern als Praktikanten eingestellt und ausgebeutet werden?“ klagt Helmut König vom Arbeitsministerium.

Mit dem Problem beschäftigt sich auch die Arbeitsgemeinschaft der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege in Köln. „Die Situation ist bedauerlich,“ sagt Referent Joachim Tonn, „aber die freien Träger können die Leute kaum finanzieren.“

Mit Worten des Bedauerns freilich kann Elke S. nichts anfangen. Wenn sie nach der Schicht nach Hause kam, hatte sie in acht Stunden rund 6,25 Mark verdient. Pflegeheim-Anwalt Klette findet das „durchaus in Ordnung“. Mit Sittenwidrigkeit hat das für ihn nichts zu tun. „Es ist gang und gäbe, daß Praktikanten gegen eine geringere Vergütung den vollen Arbeitsablauf mitmachen, sonst können die den Betrieb doch gar nicht kennenlernen.“