Schneeweiß verpackt und voller Unschuld liegt das verlockende Stück zwischen den Zahnputzgläsern, mit goldener Schrift verziert und durch den heimtückischen Badezimmerspiegel noch verdoppelt. Mein Herz pocht, der Blick wird starr, alle Tabus brechen, ich ergreife es und stecke es hastig in meinen Kulturbeutel – das Päckchen Seife. So ergeht es mir immer wieder in jedem Hotel.

Ich bin ein Kleinkram-Dieb. Normale Menschen ziehen im fremden Hotelzimmer als erstes die speckige Gardine zur Seite oder prüfen die Härte der Matratze, um dann mißmutig das Radio anzustellen und in den Schubladen des Nachttisches nach der Bibel zu stöbern. Ich dagegen renne sofort ins Badezimmer. Nein, nicht die Handtücher oder der Bademantel reizen mich – das wäre ja der Einstieg in die Kriminalität. Die kleinen Extras rund ums Waschbecken und in der Dusche machen mir lange Finger.

In einer Weipertshausener Pension fing alles ganz harmlos an: mit einem Stückchen Seife, einem vergilbt-gelblichen Brocken, zwei mal vier Zentimeter klein, absolut wasserfest, mit dem charaktervollen Hygienegeruch einer Badeanstalt aus den zwanziger Jahren.

Dann kam jene denkwürdige Nacht in einem Waldhotel bei Stuttgart, die mir eine Seife im pastellenen Plastikdöschen einbrachte. Bald war selbst das nicht mehr gut genug für meine Kollektion: Ich ließ Duschgel und Shampootütchen mitgegen, die, schamhaft in den Koffer gepreßt, meist grünblau und wohlriechend platzten. Frischetücher raffte ich zusammen, obwohl eine^ der feuchten Läppchen mir erst vor kurzem im Auto zur wohl 4711. Übelkeit meines Lebens verhalf.

Ich vergriff mich an Läppchen zum Schuheputzen und an Duschhauben. Das Nachttischchen zu Hause quoll über, die Packungen purzelten dem Arglosen entgegen. Es war eine Sucht.

Doch dann passierte es: Als die Rezeptionistin mit dem Haarknoten im Hotel „Burgfrieden“ mich um meine Visitenkarte bat, fielen aus dem schräg gehaltenen Koffer zwei Päckchen Seife und ein Tütchen Duschgel heraus. Da war er, der Moment der Umkehr: „Nie wieder eine solche Peinlichkeit erleben!“ schwor ich mir auf Knien vor der Rezeption.

Die nächste Nacht führte mich eine Stadt weiter ins „Kurhotel“. Am Morgen verließ ich das Zimmer, ein wenig fahrig, doch stolz darauf, daß ich keine noch so abgegriffene Seife eingesteckt hatte. Meine Heilung schien gelungen.

Da drehte ich mich um: Die Tür des Zimmers gegenüber war einen Spaltbreit geöffnet, das Mädchen klopfte hörbar die Kissen aus, und vor mir stand im schmalen Gang ihr Nachschubwägelchen, ein Paradies auf Rädern mit Trommeln voller Seifestückchen und Shampootütchen, Kisten voller Duschhauben und Briefpapiersets – zum Greifen nah. Ich habe gesündigt wie noch nie zuvor. Es war eine Lust. Johannes Voswinkel