Zwei Fragen bleiben bei den Ereignissen der vergangenen Monate in China zu klären: Weshalb ging das Militär mit solcher Brutalität vor, und was waren in größerer Ausführlichkeit die konkreten Ziele und Maßnahmen der Studenten in der Volksrepublik China? Die nachstehenden Auszüge aus einer unbekannten Rede gewährten Einblick in die Psychologie der Führung in diesen Tagen, die China grundlegend verändert haben.

Bereits am 19. Mai, zwei Wochen vor dem blutigen Aufmarsch der Panzer, hielt der Pekinger Parteisekretär Li Ximing eine interne Rede vor den Pekinger Parteikadern. Seine Worte zeigten bereits die panische Angst der Führung vor den Wandzeitungen der Studenten mit ihren aufrührerischen Parolen. Zugleich wollte er mit dieser Rede „erdrückende Beweise“ vorlegen und damit den Boden für den Einsatz militärischer Gewalt gegen die Studentenrevolte bereiten.

Am folgenden Tag wurde über Peking das Kriegsrecht verhängt, doch die Studenten protestierten weiter. Sie gaben sich in den Augen der autoritären Parteiführer weiterhin uneinsichtig, Soldaten wurden eingesetzt. Nun gewannen die Geschehnisse eine für die Parteispitze unkontrollierbare Dynamik.

Die fünf Tage später, am 24. Mai, gehaltene, nachfolgend auszugsweise wiedergegebene Rede des Staatspräsidenten Yang Shankun sollte führende Militärs und Kader auf den Einsatzbefehl zur Niederschlagung der Studentenbewegung einstimmen. Zunächst hatte es nämlich Proteste und Petitionen von hohen Offizieren wegen des vom Politbüro beschlossenen Einsatzes des Militärs gegen das Volk gehagelt. Yang Shankuns Wut über ein solches nahe an Befehlsverweigerung liegendes Verhalten wird in seinen Worten deutlich: Der Staatspräsident bereitet vorsichtig das Terrain für den (am vergangenen Wochenende offiziell bestätigten) Sturz des Generalsekretärs Zhao Ziyang. Zhao wurde bereits zu jenem Zeitpunkt die Entscheidungsgewalt, als stellvertretender Vorsitzender der Militärkommission (MK) Truppenverschiebungen anzuordnen, entzogen.

Wortreich, doch wenig überzeugend verteidigt im weiteren Yang als Dengs Stellvertreter im Vorsitz der MK das Eingreifen der bereits im Ruhestand befindlichen Altenriege in die laufenden politischen Entscheidungen.

Aus diesen Rechtfertigungen wird deutlich: Eine hysterische Überreaktion, vor allem die Angst, die Macht zu verlieren, haben den militärischen Einsatz bestimmt. Folgerichtig ist die Grausamkeit des Einsatzes während und nach dem Massaker ebenfalls von solchen Ängsten mitbestimmt gewesen.

Tage später, als Yang die Meldung hörte, daß es zu Beginn des Massakers bereits 1500 Tote gegeben habe, rief er aus: „Jetzt sind schon so viele Menschen umgekommen, da können wir nur noch vorwärts, nicht mehr zurück, sonst werden wir alle auf der Guillotine enden.“