Von Karl-Heinz Büschemann

Diejenigen, gegen die sich die Aktion richtet, reagierten völlig gelassen. Gerade hatten sieben große amerikanische Elektronik-Unternehmen beschlossen, die japanische Super-Vormachtstellung auf dem Gebiet der Halbleiter-Speicherchips entschlossen zu bekämpfen, da waren in Tokio ganz unerwartete Töne zu hören. „Das ist für uns eine gute Nachricht“, ließ sich ein Beamter des japanischen Ministeriums für Handel und Industrie (Miti) vernehmen. „Wir begrüßen diese Art von Wettbewerb, denn wir wollen nicht, daß die US-Industrie ihre Wettbewerbsfähigkeit einbüßt.“

Von dieser Seite hatten die sieben amerikanischen Firmen aber am wenigsten mit freundlichherablassender Resonanz gerechnet. Die drei großen amerikanischen Computerhersteller IBM, Digital Equipment und Hewlett-Packard sowie die Halbleiterfirmen Intel, National Semiconductor, Advanced Micro Devices und LSI Logic haben beschlossen, eine gemeinsame Firma zu gründen, die unter dem Namen US Memories Inc. keine andere Aufgabe hat, als an die Japaner verlorenes Terrain zurückzugewinnen. Denn auf dem wichtigen Gebiet der dynamischen Halbleiterspeicher – in der Fachsprache D-Rams genannt – haben japanische Firmen einen Weltmarktanteil von neunzig Prozent. Die einst führenden Amerikaner hecheln der Konkurrenz aus Fernost weit abgeschlagen hinterher. Die neue Firma, die der bisherige IBM-Manager Sanford Kane leiten wird, soll das ändern.

Anfang 1991 soll US Memories mit der Fertigung von Vier-Megabit-Speicherchips beginnen und damit eine Scharte auswetzen, die sich die amerikanische Industrie selbst beigebracht hatte. Denn Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre haben amerikanische Unternehmen die Halbleiterindustrie aus der Taufe gehoben und mit der sogenannten Silizium-Chip-Technologie die Miniaturisierung der Elektronik begonnen. Doch die amerikanische Halbleiterindustrie hat nicht durchgehalten. Vor allem auf dem Gebiet der Speicher – sie halten die Informationen fest und müssen von den Mikroprozessoren unterschieden werden, die Informationen verarbeiten – hat sie das Feld vollkommen den Japanern überlassen. Bei den Chips der gegenwärtigen Generation, den sogenannten Megabit-Speichern, haben sie praktisch schon ein Weltmonopol. Die amerikanischen Firmen hatten in einem gnadenlosen, von den Japanern angezettelten Preiskampf schlicht aufgegeben. Im Bereich dieser Mega-Speicher, ohne die kein moderner Computer funktioniert, kein Fernseher Bilder erzeugen und kein Fax-Gerät ein Dokument übertragen kann, kommen heute nur noch sieben Prozent der Bauelemente aus den Vereinigten Staaten. Vier Prozent werden in Korea fabriziert, und dank großer Anstrengungen der europäischen Industrie, vor allem der Firmen Siemens und Philips, ist die Industrie der Alten Welt mittlerweile sogar froh, es auf einen Weltmarktanteil von zwei Prozent zu bringen.

Doch sowohl in Europa als auch in den USA machen sich die Unternehmen der Elektronik Gedanken über die Folgen dieser japanischen Übermacht. Im vergangenen-Jahr mußten schon einige Computerhersteller ihre Produktion kürzen, weil sie nicht die nötige Menge von Speicherchips aus Japan bekamen. Weil die Japaner ihre monopolähnliche Stellung ausnutzten und happige Preise verlangten, mußten viele Firmen erhebliche Gewinneinbrüche hinnehmen. „Die amerikanische Elektronik-Industrie muß in der Lage sein, größere Anteile ihrer Speicher auf dem heimischen Markt zu kaufen“, ist heute sogar von dem amerikanischen Chip- und Taschenrechner-Hersteller Texas Instruments zu hören. Immerhin werden in den USA etwas mehr als ein Drittel aller in der Welt verbrauchten Speicherchips in Computer, Radios, Fernseher und Telephone eingebaut.

Aber vor allem die amerikanische Regierung ist von dieser Abhängigkeit irritiert. Bei der militärischen Elektronik ist die US-Industrie nämlich sogar zu 98 Prozent auf Lieferungen aus dem fernöstlichen Inselreich angewiesen. Grund genug für den amerikanischen Handelsminister Robert Mosbacher, die jetzige Neugründung stürmisch zu begrüßen: „Es ist sehr ermutigend zu sehen, wie der private Sektor die Initiative ergreift, um die Wettbewerbsfähigkeit der US-Halbleiterindustrie wiederherzustellen.“ Immerhin haben die sieben Firmen, denen sich mit großer Wahrscheinlichkeit noch weitere Unternehmen aus der Computer- und Halbleiterindustrie anschließen werden, bei der Regierung in Washington nicht um Hilfe aus dem Steuersäckel nachgesucht. Sie verlassen sich ganz auf die eigene Kraft.

Doch das ist nicht ohne Risiko, wie die amerikanischen Firmen schon in früheren Jahren feststellen konnten. Denn die Entwicklung von modernen Chips wie dem Vier-Megabit-Speicher, der auf einer Fläche eines menschlichen Fingernagels den Inhalt von 250 Schreibmaschinenseiten speichern kann und der gerade bei den Japanern in die Serienproduktion geht, kostet rund 1,5 Milliarden Mark. Wer diese Summe eingesetzt hat, aber einige Monate nach den Konkurrenten mit seinen Speicherbausteinen auf den Markt kommt, leidet damit schon unter dem regelmäßig einsetzenden starken Preisverfall, der eine Amortisation dieser großen Investitionen nahezu unmöglich macht. In den Vereinigten Staaten hielt in diesem teuren Rennen denn auch nur einer durch: IBM, größter Computerhersteller und größter Chiphersteller der Welt, konnte auf dem Halbleitergebiet den Japanern noch Paroli bieten. Allerdings profitieren davon die amerikanischen Computerhersteller bislang nicht, denn IBM stellt seine Chips nur für den eigenen Bedarf her.