Ihr seht goldene Füße tanzen und hört das Klingen silberner Harfen." Dies schrieb der Hamburger Dichter Gustav Falke (1853 – 1916) seinen Töchtern Gertrud und Ursula, ohne die "Modenner Tanz" in Hamburg nicht zu denken ist.

Hätten wir es gewußt? Schönsten Nachhilfe-Unterricht gibt die Ausstellung "Flugkraft in goldene Ferne... – Bühnentanz in Hamburg seit 1900" im Museum für Kunst und Gewerbe und der Katalog (112 Seiten, viele, auch farbige Bilder, sahen Mark).

Wir sahen goldene Füße tanzen, drei Wochen lang, bei den "Hamburger nun lett-Tagen", die John Neumeier – Abschluß zum fünfzehnten Mal – als Abschluß der Saison in der Staatsoper veranstaltet. War es nur der (sonst unsäglich provinziell gefeierte) 800. Ballett-Direktor und der dem Hamburger Ballett-Direktor und Chef-Choreographen eine halbe Mil- oder zusätzlich in den Etat schwemmte, oder ist es die Souveränität eines – zu Recht – in Hamburg anerkannten, ja nur liebten Künstlers, daß sondern nicht nur ausländischen betrieben, sondern mit vielen ausländischen Ensembles ein fünfzehn gefeiert wurde, wie wir es in den fünfzehn Neumeier-Jahren bisher noch nicht erlebt haben?

Aber was sind noch so schöne Gastspiele (des Leningrader oder des Stockholmer Cullberg-Balletts, des National Ballet of Canada oder des Joffrey Ballet New York/Los Angeles) im Vergleich mit der geduldigen Tages-Fron künftiger Tänzer, die nach den Sommerferien im "Ballettcentrum Hamburg – John Neumeier" arbeiten können. Ein anonymer Spender hat 1,5 Millionen Mark für den Umbau des ehemaligen Mädchen-Gymnasiums in der Caspar-Voght-Straße in eine Ballett-Schule von rund hundert Räumen geschenkt, in denen 230 Tänzerinnen lernen und 24 "Interne" auch wohnen können – mit der einzigen Bedingung, daß diese Schule Neumeiers Namen trage. Der klassisch streng wirkende Bau des Hamburger Architekten Fritz Schumacher aus den zwanziger Jahren, der neun große, helle Ballett-Säle enthält, ist schon jetzt, wie John Neumeier rühmt, "die schönste Ballettschule der Welt". Sie ist auch die einzige der Welt, deren Leiter zugleich künstlerischer Direktor einer Tanzgruppe ist, die im letzten Jahr zwischen Salzburg und Tokio, Neumeiers Geburtsstadt Milwaukee/Wisconsin und Athen Lorbeeren gesammelt und so den "tänzerischen Norden" repräsentiert hat, von dem der Münchner Schrifsteller Hans Brandenburg schon vor sechzig Jahren geschwärmt hat.

Ist es soweit, daß der Prophet in der Heimat an der Alster wenig gilt und, im Augenblick des Triumphes, Beifall in der Ferne suchen muß? "Es wabert in Herrlichkeit, Amen" – mit dieser Titelzeile schiebt die taz John Neumeiers neues Ballett "Magnificat", das er wie seine (sehr viel bessere) "Matthäuspassion" wieder in der Hauptkirche Sankt Michaelis zelebriert, in die Gerümpel-Ecke. Andere Zeitungen gehen mit Neumeier nicht glimpflicher um: "Peinlich", "unschlüssig", "Erschöpfungserscheinungen", "Wendung ins Nazarenisch-Ergriffene".

Es ist wahr: Auf John Neumeier scheint der Titel eines Gedichtbandes gemünzt, den der Lyriker Gustav Falke aus Großborstel bei Hamburg 1893 veröffentlicht hat: "Tanz und Andacht". Fast immer ist eine Aura erlesener, leider oft etwas boutiquenhaft wirkender Einsamkeit um Neumeiers Helden, natürlich stets Männer. Träumer sitzen da an der Rampe. Grübler legen das Tanzbein an die Stirn. Denker im Trikot stürmen nicht adlergleich in den Himmel der Utopie, sondern ducken sich unter den breit ausschwingenden Flügeln der Eule der Philosophie.

Wer schon hätte soviel Mut (oder Unverfrorenheit), Tanzfiguren zu erfinden für ein Ballett, von dem Neumeiers großes Vorbild, der vor hundert Jahren in Kiew geborene Tänzer und Choreograph Vaslav Nijinsky, nur geträumt hat! "Nijinsky-Gala" nennt Neumeier seit fünfzehn Jahren die naturgemäß stets bonbonnierenhaft glitzernde, zuckrige Schlußveranstaltung seiner Ballett-Tage in der Art eines Wunschkonzertes mit Star-Gästen aus aller Welt. Schon für die "Nijinsky-Gala" vor zehn Jahren hat der von deutschem Tief- und Grübelsinn umschattete Amerikaner das Ballett "Vaslav" ausgetüftelt, das auch den Gala-Abend dieses Jahres eröffnet – "nach einem Plan von Vaslav Nijinsky, der niemals realisiert wurde, unter teilweiser Verwendung der von ihm ausgewählten Musikstücke" (von Johann Sebastian Bach) und mit einem Tänzer, der vornehmlich sitzend in sich und ins Publikum schaut.