Von Benedikt Erenz

Liebe Gäste! Sie sind nach Dachau gekommen, um die Gedenkstätte im ehemaligen Konzentrationslager zu besuchen. Ich darf Sie namens der Stadt Dachau herzlich begrüßen. Im KZ Dachau sind unzählige Verbrechen begangen worden. Wie auch Sie, verneigen sich die Stadt Dachau und ihre Bürger in tiefer Ergriffenheit vor den Opfern dieses Lagers... Entsetzen wird Sie nach dem Besuch erfüllen. Sie werden Ihre Empörung aber sicher nicht auf die uralte 1200jährige bayerische Stadt Dachau übertragen, die bei Errichtung des KZ nicht gefragt wurde und deren Bürger 1933 besonders deutlich gegen den aufkommenden Nationalsozialismus votiert hatten. Das KZ Dachau ist Teil der allgemeinen deutschen Verantwortung. Ich lade Sie herzlich zum Besuch unserer nur wenige Kilometer entfernten alten Stadt Dachau ein. Wir sehen Sie gerne in unseren Mauern, um Sie als Freunde zu begrüßen.“

Dr. Lorenz Reitmeier, Oberbürgermeister, im farbigen Stadtprospekt, deutsche Ausgabe.

Ein letzter Blick auf Dachau. Es muß 1938 gewesen sein, im Sommer; das Bild, in einem Seitenraum der neuen Dachauer Gemäldegalerie, trägt dieses Datum. Ein letzter Blick, denn im selben Jahr noch kehrte er nach Schweden zurück, zusammen mit seiner deutschen Frau, einer Jüdin. Aber was heißt zurück – nach 35 Jahren in einer Stadt?

Von seinem Haus aus, seinem Atelier in der Moosschwaige am Schleißheimer Kanal ging Carl Olof Petersen den Weg an der Stadt vorbei in Richtung Etzenhausen und noch ein Stück weiter, den Leitenberg hinauf. Ein Nachbarsjunge, so vermute ich, trug ihm die Staffelei, ein Nachbarsmädchen mit schlenkernden Zöpfen die Leinwand. Oben lassen sie ihn allein, denn jetzt muß er in Ruhe malen. In Ruhe Abschied nehmen, Pinselstrich für Pinselstrich. Abschied von den weiten Feldern, von der weißroten Häuserherde, die sich um die Anhöhe drängt, um die Anhöhe mit Kirche und Schloß, Abschied von der endlosen Ebene dahinter, dem Moos, dem Moor, und den schweren Wolkenballen darüber, dem weißblauen Leuchten.

Er malt das alles in einfachen sachlichen Farben, ohne Glanz, ohne Schmelz, ohne Kunst. Nur so: zum Abschied. Er ahnt, er weiß, daß es dieses Dachau, dieses Deutschland, das er da malt, gar nicht mehr gibt, ein heiteres Spukbild nurmehr noch ist – und inmitten des sommerhellen Landes erlischt, ertrinkt, verschwindet die Stadt auf seiner Leinwand in einem dunklen Schattenfleck.

Jammer-, jammerschade, sagt die Frau aus Dachau, sei das. Wirklich. Aber das Schloß ist zu, geöffnet nur am Wochenende für ein paar Stunden. Trösten wir uns mit dem Garten, sage ich. Ja, ja, bei diesem Wetter... Und sie ärgert sich trotzdem, wie es dem Besucher des 1200jährigen Dachau nicht entgeht – daß dieser nun nicht sehen kann, welche postkartenwürdige Attraktion ihre Stadt zu bieten hat.