Von Ernst Klee

Wenn der Fötus nicht denselben Anspruch auf Leben wie eine Person hat, dann hat ihn das Neugeborene offensichtlich auch nicht, und das Leben eines Neugeborenen hat also weniger Wert als das Leben eines Schweines, eines Hundes oder eines Schimpansen", schreibt der australische Moralphilosoph Peter Singer in seinem Buch "Praktische Ethik".

Singer ist in der Bundesrepublik zuerst als Tierschützer bekannt geworden. Er tritt für die "Befreiung der Tiere" (Buchtitel) ein. In der akademischen Auseinandersetzung liebt er die Provokation. So schreibt er in seinem Aufsatz "Heiligkeit des Lebens oder Lebensqualität" diesmal speziell über Behinderte: "Wenn wir ein schwerstbehindertes menschliches Kind mit einem nichtmenschlichen Tier, z. B. einem Hund oder einem Schwein, vergleichen, so werden wir häufig herausfinden, daß die Tiere höhere Fähigkeiten im Hinblick auf Verstand, Selbstbewußtsein, Kommunikation und viele andere Dinge aufweisen ..." Es gibt viele ähnliche Sätze, in denen Menschen mit Tieren verglichen werden – und dabei schlecht abschneiden.

Singer sieht Neugeborene "als ersetzbar" an. Am Beispiel der Bluter (Hämophilie) erläutert er: "Sofern der Tod eines geschädigten Säuglings zur Geburt eines anderen Kindes mit besseren Aussichten auf ein glückliches Leben führt, dann ist die Gesamtsumme des Glücks größer, wenn der behinderte Säugling getötet wird."

Singer argumentiert anhand extremer Einzelbeispiele, zieht aber allgemeine Schlußfolgerungen. So schlägt er vor, behinderte Neugeborene "bis zu etwa einer Woche oder zu einem Monat nach der Geburt nicht als Menschen (zu) betrachten, die ein Recht auf Leben haben". Singer will nach eigener Aussage ein Tabu brechen: die "Heiligkeit des Lebens".

Behinderte, Eltern behinderter Kinder sowie Menschen, die mit ihnen privat oder beruflich zu tun haben, sind entsetzt oder empört. Manchen macht die Diskussion von Singers Thesen angst. Und die Angst ist verständlich. Ist behinderten Neugeborenen erst einmal ihre Personalität abgesprochen, sind sie in ihrem Lebenswert erst einmal unterhalb bestimmter Tiere (zum Beispiel der bei Laborversuchen benutzten Affen) eingestuft, könnten sie auch zur Forschung benutzt werden. Eine Horrorvision? Leider nein. Es sind bereits nicht lebensfähige Neugeborene ohne Gehirn (sogenannte anencephale Kinder) als menschliches Ersatzteillager (Organbank) künstlich am Leben erhalten worden.

Wer will Ängste einfach abtun, daß es Ziel der internationalen Ethikdebatte sei, die herrschende Moral den neuen technologischen Entwicklungen anzupassen? Oder die Befürchtung, daß die neue Ethik sich nicht am Menschen orientiere, sondern an den Möglichkeiten der Genforschung? In diesem Sinne ist eine "Praktische Ethik" eine für die Genforschung praktische Ethik.