Danke, Petrus, jetzt reicht’s

Die „Hamburger Morgenpost“ zur Hamburger Hitzewelle (siehe auch „Letzte Meldung auf dieser Seite!)

Franz Schonauer

Nein, der soll nicht einfach weggehen, ohne daß wir ihm ein paar Worte nachrufen. Auch wenn der 1920 in Hahnenhardt geborene Beamtensohn in den letzten Jahren fast nur noch geschwiegen hat – nicht aus Resignation, nicht aus Müdigkeit, sondern im Verstummen noch zornig: mit ihm verliert das eh’ nur stotternde literarischpolitische Gespräch in der Bundesrepublik eine eifernde, streitbare Stimme. Wie soll man erklären, wer dieser Franz Schonauer war? Ein Schriftsteller? Ein Kritiker? Ein Verlagslektor einsamer Klasse, der ganz uneitel seine kritischen Einwände nicht an die Öffentlichkeit trug, sondern an die – für ihn – richtige Adresse, an den Autor, der noch etwas ändern, etwas verbessern konnte? Oder doch ein Lehrmeister, zu dem sich der Doktorand des Jahres 1947 als Dozent für Literaturkritik an der Freien Universität Berlin gemausert hat? Der Krieg, die Schrecken der Diktatur: sie haben auch diesen Autor des Jahres 1920 für immer versehrt. Er sah Gefahren, wo andere wegschauten. „Deutsche Literatur im Dritten Reich“ (1961) heißt das Buch, das er schreibewn mußte, für uns, zum Lernen, für sich, zum Befreien von dem Druck, den er doch nie loswerden konnte, ob er über Stefan George (1960) oder über den so ganz anderen Max von der Grün (1978) schrieb. Sie fehlt in unserem lauen, flauen Literaturplausch, die kämpferische Meinung von Franz Schonauer, der am 21. Juni in Lanze, Niedersachsen, gestorben ist, 69 Jahre alt.

Anton Dermota

In seiner Autobiographie „Tausendundein Abend“ zählt er die von ihm gesungenen Opernfiguren auf: achtzig; daneben noch einmal vierzig Partien in Geistlicher Musik – das Liedrepertoire ist nur noch „umfassend“ zu nennen. Unter den auf achtzehn Spalten verzeichneten Plattenaufnahmen die vielleicht wichtigsten herauszugreifen heißt, auf Geschmack zu vertrauen: „Fidelio“ vielleicht (mit Böhm) oder „Pagliacci“; das Mozart-„Requiem“ bringt ihn in seinem Wiener Ambiente (Lipp, Rössl-Majdan, Berry, von Karajan) – der „Don Giovanni“ mit Furtwängler überliefert ihn in seiner wohl ständigsten Rolle. Denn er war Ottavio: Sein Photo zeigt exakt die Mischung aus Heftigkeit und Zögern, aus Kraft und Sensibilität – und in den beiden Arien erkennen wir die Größe und die Schwäche dieser schizophrenen Rolle zwischen Bravour und Intimität, zwischen Pathos und Innigkeit, zwischen Koloratur und Schlichtheit. Anton Dermota stammte aus Kropa (Slowenien), studierte in Laibach und Wien, begann in Klausenburg. Schon als Sechsundzwanzigjähriger aber konnte er auf drei legendäre Dirigenten treffen: Bruno Walter, Arturo Toscanini, Hans Knappertsbusch. Die Wiener durften sich am glücklichsten schätzen: Dreißig Jahre lang dominierte er dort das lyrische Tenor-Fach; Salzburg wurde seine zweite künstlerische Heimat – mit Liedern war er noch in den letzten Jahren zu hören. Nach einer Bronchitis erlag Anton Dermonta am letzten Donnerstag in Wien, neunundsiebzig Jahre alt, einer Herzschwäche – Florestans „Lohn in bess-’ren Welten“ ist ihm sicher.

Letzte Meldung

Gerade in dieser Stunde, da wir für Sie, verehrte Leser, die neue Ausgabe des Feuilletons diskutieren, konzipieren, realisieren, wie immer in größter Eile, fiebrigster Erregung, gerade in dieser Stunde, sagten wir, fällt uns die neue Ausgabe der Hamburger Morgenpost auf den Schreibtisch, deren Schlagzeile unsere auch an diesem Tage nahezu wütende Schaffensfreude erst einmal abrupt unterbricht: „Schwül! Ganz langsam arbeiten!“ Mißtrauisch gegen jeden Journalismus, insbesondere aber den der sogenannten Sensationspresse, fragen wir unsere Ständige Medizinische Abteilung, was von der Warnung der Hamburger Morgenpost zu halten sei, und bekommen zu unserer Verwunderung den Rat, der Anregung der Zeitung auf jeden Fall Folge zu leisten, da andernfalls die Ausgabe wenigstens der nächsten Woche akut gefährdet sei. Unsere Leser wiederum sind gebeten, die Ausgabe dieser Woche ganz schnell zu lesen, da andernfalls gesundheitliche Spätfolgen der Lektüre nicht auszuschließen sind.