Mutige Botschafterin

Die Worte fand sie nur zögernd, ihre Stimme bebte, die Erregung war gar nicht telegen. Sie sei bedroht worden, nicht richtig, aber doch irgendwie deutlich. Sie solle lieber den Mund halten; bei anderen sei der Anrufer deutlicher geworden. Doch was in Peking in diesem Augenblick vor sich gehe, jetzt gerade, da sie im Pariser Fernsehstudio sitze, das sei unerträglich. „Einmischung in innere Angelegenheiten“: Diesen Vorwurf hat Danielle Mitterrand, die Frau des französischen Präsidenten, in jüngster Zeit häufig gehört – und vermutlich sogar von wohlwollend warnenden Ratgebern ihres Mannes. Diesmal ging es um China, da kam der französischen Diplomatie ihr Fernsehauftritt eher zupaß. Doch gestern ging es um die Kurden und gegen die Türkei und den Irak, Länder, die auch die Pariser Diplomaten lieber hofieren als düpieren. Vorgestern ging es um den Dalai Lama und die Unterdrückung in Tibet, da galten die Pekinger Kartätschengreise noch als Reformer; und davor um Argentinien oder Algerien. Immer dasselbe: Die eigenen Diplomaten sind entsetzt, die ausländischen werden vorstellig. Nein, dies ist keine salonzahme First Lady. Diese Frau verdient den Titel Botschafterin der Menschenrechte. Doch den vergibt Frankreich auch 200 Jahre nach der Revolution noch nicht.

Missionarin im Weißen Haus

Über all ihrer sanften Mütterlichkeit hat Barbara Bush nie Zweifel an ihrem Talent zur Strenge aufkommen lassen. Im Augenblick müssen die Raucher unter der Fuchtel der Präsidentengattin leiden. Sie hat weite Teile des Weißen Hauses und das Präsidentenflugzeug Air Force One zur raucherfreien Zone erklärt. Gleichzeitig übt sich die Erste Dame auch als Missionarin. Rauchende Sicherheitsbeamte und Mitarbeiter des Präsidenten sind ihrer kritischen Aufmerksamkeit gewiß. Die bedauernswerten Opfer haben inzwischen typisches Renegatentum als Antrieb zu dem Ein-Frau-Feldzug wider das Rauchen ausgemacht. Barbara Bush hat sich früher selbst diesem Laster intensiv hingegeben.

Sozialismus unter Beschuß

In Witzen kommt es an den Tag: Die Sowjetbürger sind auch unter Gorbatschow skeptisch geblieben. Redet nicht auch er in viel zu schönen Worten über die trostlose Wirklichkeit? „Als ich an die Macht kam“, legt das Volk dem Staats- und Parteichef in den Mund, „stand die Wirtschaft am Rande des Abgrunds. Ich bin stolz darauf, daß wir seitdem einen Schritt vorwärtsgegangen sind.“ Reden kann man inzwischen über fast alles, doch ändern tut sich wenig; das gilt insbesondere für den ökonomischen Sektor. Die sowjetischen Eliten im Wirtschaftsapparat handeln wie ehedem ohne Verantwortungsbewußtsein: „Der neue Direktor einer Kolchose findet zwei Briefe seines Vorgängers mit der Anweisung, den ersten zu öffnen, wenn die Schwierigkeiten anfangen. Als die Kolchose ihr Soll nicht erfüllen kann, öffnet der Direktor den ersten Brief mit dem Rat: beschuldige mich.‘ Empfohlen, getan. Einige Zeit vergeht. Als die Kolchose die Planvorgaben wieder nicht erfüllt, gerät er unter neuerliche Kritik. Er öffnet den zweiten Brief. Darin steht: ‚Entwirf zwei Briefe!“