Erst vor wenigen Wochen hat das amerikanische Landwirtschaftsministerium die Erlaubnis für den ersten Feldversuch mit transgenen Tieren erteilt. In einem geschützten Teich der Auburn-Universität in Alabama dürfen demnach Karpfen ausgesetzt werden, denen Wachstumsgene der Forelle eingepflanzt wurden und die wesentlich größer werden als ihre normalen Artgenossen.

Mitte Juni schwärmte die amerikanische Zeitschrift Science auf ihrem Titelblatt: "Die neue Ernte: Gentechnisch maßgeschneiderte Arten". In sieben umfangreichen Beiträgen befaßt sich das Blatt unter anderem mit den Fortschritten in Richtung Gentherapie beim Menschen, mit genetic engineering bei landwirtschaftlich genutzten Tieren und Pflanzen, bei Bakterien und Pilzen.

Fragwürdige Manipulationen

Nicht verschwiegen wird, wie fragwürdig die Manipulationen sein können. So zeigte sich an transgenen Schweinen, die in ihrem Körper das Wachstumshormon für Rinder produzieren, daß diese Tiere zwar rascher heranwachsen, das Futter besser ausnutzen und weniger Fett ansetzen. Der Preis für diesen dubiosen "Fortschritt" waren gravierende Gesundheitsstörungen wie Magengeschwüre, Arthritis, Herzvergrößerungen, Haut- und Nierenkrankheiten.

Bei allem berechtigten Widerstand gegen solche Fehlentwicklungen sollte jedoch nicht übersehen werden, daß transgene Organismen sowohl wirtschaftlich als auch wissenschaftlich bedeutende Fortschritte darstellen können. So wäre es von großem Vorteil, wenn ertragreiche Pflanzensorten durch Genübertragung gegen wichtige Schädlinge resistent würden und damit der Einsatz von umweltbelastenden Pestiziden entfiele. Weltweit laufen zahlreiche Versuche, zum Beispiel Mais oder Reis schädlingsresistent zu machen durch Übertragung von Genen, die spezifisch gegen Insekten oder deren Larven gerichtete Gifte produzieren.

Wichtige Fortschritte in der Krebsforschung, der Immunologie und in der Bekämpfung von Aids sind von transgenen Mäusen zu erwarten. So entwickelten Nager, denen das Genom des menschlichen Aids-Virus eingepflanzt wurde, Hauterkrankungen, die dem Kaposi-Sarkom stark ähneln – ein typisches Symptom bei vielen Aids-Kranken. Da Tiere normalerweise nicht durch das HI-Virus krank werden, bietet sich hier ein Modell zum Studium von Aids-Therapien. Als äußerst lehrreich für das Grundlagenstudium des menschlichen Immunsystems haben sich zum Beispiel Mäuse erwiesen, die keine eigenen, aber dafür menschliche Immunzellen produzieren. Es stellte sich heraus, daß wichtige weiße Blutkörperchen (Lymphozyten) nur dann zu einer immunologisch wirksamen Form heranreifen, wenn den Tieren auch menschliches Thymus-, Milz-, oder Lymphgewebe übertragen wurde – die Lymphozyten durchlaufen offenbar eine "Schulung" in diesen Organen.

Wie unterscheidet der Körper zwischen eigenem und fremdem Gewebe, wie "erkennt" er Tumorzellen? Was bewirkt, daß sogenannte "Krebsgene" (Onkogene) nach jahrelangem Schlummer aktiv werden? Das An- und Abschalten verschiedener Onkogene wird weltweit an einer Vielzahl transgener Mäusearten studiert, die mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit Tumoren entwickelten, weil ihnen ein zusätzliches Krebsgen übertragen wurde. Wenn erst einmal die Vorgänge verstanden sind, die zu der unkontrollierten Wucherung von Zellen führen, dann besteht auch eine reelle Chance, endlich wirksame Medikamente für die Therapie häufiger Tumoren zu entwickeln.

Absurd und ethisch unvertretbar wäre es jedoch, Eingriffe in die menschliche Keimbahn zu planen – zumindest beim derzeitigen Stand der Kenntnis. Einer von vielen Gründen ist die Unfähigkeit, mit hoher Sicherheit einen bestimmten Gen-Defekt beheben zu können. Das Risiko, Schaden anzurichten, etwa indem sich das übertragene Reparatur-Gen an einer falschen Stelle in der DNA festsetzt und dadurch zum Beispiel Krebsgene anschaltet, ist unvergleichlich höher als der potentielle Nutzen – ganz abgesehen von den grundsätzlichen moralischen Bedenken. Auszuschließen ist allerdings nicht, daß skrupellose Wissenschaftler nun menschliche Samenzellen in DNA tränken und Versuche an Embryonen starten, um ihre Neugier zu befriedigen. Der Gesetzgeber sollte die neue Technik wachsam verfolgen – denn sie fordert durch ihre Einfachheit den Mißbrauch geradezu heraus.