Von Franziska Jänz

Sie scheinen auf der Flucht zu sein – gejagt von einem Sturm, der alle fünf Minuten einmal aufbraust, verfolgt von einem Ungeheuer, das regelmäßig lärmend durch die unterirdischen Gänge tobt, geblendet vom Neonlicht, das niemals erlischt. Die photographierten Wölfe, die eine Künstlerin im U-Bahnhof des Hamburger Hauptbahnhofs an die Wand geklebt hat, sind auf dem Weg in einen Tunnel, der genauso schwarz ist wie sie selbst. Und sie wirken so, wie die meisten sich das Leben in der Unterwelt der U-Bahnen vorstellen: unheimlich und gefährlich.

U-Bahnen und ihre Schächte sind ein Generalangriff auf alle Sinne höherer Lebewesen: Sie stinken, machen Krach und treiben einem die Tränen in die Augen. Hunde klemmen ängstlich den Schwanz ein, wenn die Züge vorbeidonnern. Menschen verstummen, wenden sich ab und suchen das Weite, wenn sie nicht bleiben müssen. U-Bahnsteige sind Schrecken auf Zeit. Beerdigungsunternehmen werben hier gerne. Es sind keine Orte zum Verweilen. Wer hinabsteigt, tut das nur, um so schnell wie möglich wieder wegzukommen. Es sei denn, er will sich verstecken, sich aufwärmen oder sich umbringen. Oder er muß hier arbeiten.

„Ihnen scheint nichts Menschliches fremd zu sein. Sie können sofort bei uns anfangen“, sagte die Frau von der U-Bahnhofsverwaltung Jungfernstieg, als Helga la Porte sich dort um eine Stelle als Klofrau bewarb. „Das Menschliche“ war ein feiner Ausdruck dafür, daß jeder einmal muß und daß unter der Erde vor allem die müssen, die nirgendwo gerne gesehen sind: „Penner“, Kriminelle, Drogenabhängige, Punks, Betrunkene und Arbeitslose.

„Die tun mir nichts. An die habe ich mich gewöhnt“, sagt die 57jährige, die seit einem Jahr in zwei unterirdischen Kämmerchen zwischen den streng getrennten Zellenreihen für Männer und Frauen ihre Tage verbringt. Manchmal, wenn sie etwas vom Leben über ihr spüren will, kommt sie früher zum Dienst, geht bei Sonne an der Alster und bei Regen in schicken Kaufhäusern spazieren, bevor sie für acht oder zehn Stunden unter der Erde hinter einer Eisentür verschwindet. „Ich kenne hier unten jeden, und alle kennen mich: Ich will hier gar nicht mehr weg“, sagt sie.

Der Reiz der Arbeit im U-Bahn-Untergrund ist unsichtbar. Er ist ein dichtes Netz aus Bekanntschaften, das von außen nur an winzigen Details erkennbar ist. Ein U-Bahnfahrer lächelt kurz und unauffällig, wenn er in einen Bahnhof kommt und neben dem Gleis einen Kollegen sieht. Manche heben verschämt die Hand. Wie Schulkinder, die sich im Unterricht heimlich zuwinken und Angst haben, erwischt zu werden. In dem Labyrinth aus Tunneln, Gängen, Treppen, Gleisen und Bahnsteigen verirren sich nur Fahrgäste. Wer beruflich dort unten ist, gehört zu einer verschworenen Gemeinschaft, kennt die Schächte besser als sein Wohnviertel, weiß immer, was die Kollegen machen und geht selten wieder weg.

„Der Tunnel und die Schicht verbinden“, sagt die Betriebsaufseherin Renate Renno. Die 29jährige hat es schon weit gebracht. Sie war lange „auf Strecke“, hat an den Gleisen Züge abgefertigt („Zurückbleiben bitte“), Weichen gestellt, U-Bahnen gefahren, Fahrkarten kontrolliert. Sie kennt das Netz unter der Erde, ist auf allen Bahnhöfen zu Hause. Als Aufseherin fährt sie jetzt den ganzen Tag von einer Station zur nächsten und sieht nach, ob alles in Ordnung ist. Da nicht alle Bahnhöfe unterirdisch sind, kommt sie oft ans Tageslicht. Die Arbeit macht ihr Spaß.