Frankreichs Ostpolitik ist seit langem Deutschlandpolitik

Von Joachim Fritz-Vannahme

Paris, im Juni

Die Festgesellschaft im Kreml schob die leeren Dessertteller beiseite. Staatspräsident François Mitterrand traute seinen Ohren und der Übersetzung der Tischdolmetscherin nicht mehr, als sich neben seinen Nachbarn Tschernjenko ein stämmiger Mann mit Halbglatze setzte und mit dem greisen Staats- und Parteichef über die Lage an der Erntefront zu plaudern begann. Tschernjenko: "Wie war die Ernte?" – Der späte Gast: "Miserabel." – "War das Wetter schuld?" – "Nein, das System. Es wird zuwenig gearbeitet." Erstaunen auf Tschernjenkos Gesicht: "Und seit wann ist das so?" Die Antwort nach kurzem Lachen: "Seit 1917."

So verlief vor fünf Jahren die erste Begegnung zwischen Mitterrand und Gorbatschow, damals noch Landwirtschaftsminister. Das sechste Mal treffen sie sich nächste Woche in Paris. Dort sind die Übersetzerkabinen der ersten KSZE-Menschenrechtskonferenz gerade abgebaut; noch stehen die Tribünen für die Feier der Französischen Revolution nicht. Für den Moskauer Reformer begann das Elend 1917: Liegen ihm das Erbe von 1789 und die Erklärung der Bürger- und Menschenrechte, im Osten lange als großer Vorläufer der noch größeren Oktoberrevolution erinnert, inzwischen näher? Während der Menschenrechtskonferenz fand sich die Sowjetunion selten auf der Anklagebank: Die wärmte wochenlang Rumänien, in dem General de Gaulle vor einem Vierteljahrhundert "das Frankreich des Ostens" begrüßt hatte, ehe ihn der "Große Conducator" und orientalische Despot Ceauşescu aller Illusionen beraubte. In diese Konferenzzeit fielen die chinesischen Tage der Freiheit und Unterdrückung: "Gorbatschow konnte bei uns angesichts dieses Schocks nur an Sympathien gewinnen", räumt ein hoher Beamter des Außenministeriums ein, wo bislang die hartnäckigsten unter den vielen Pariser Perestrojka-Skeptikern sitzen. An der Ehrlichkeit des Reformers wird in Paris immer weniger gezweifelt, an den Erfolgschancen seiner Reformen aber immer mehr. Immun gegen jede volkstümelnde Begeisterung, korrigiert Frankreich sein Gorbatschow-Bild.

Dennoch wird der diplomatische Flugplan in Richtung Osten immer dichter. Mitterrand war in den vergangenen Monaten in Sofia, Prag, Warschau und empfing vor Gorbatschow Károly Grósz, den ungarischen Parteiführer, in Paris. Doch bedeutet die neue Quantität schon eine andere Qualität? Die Ungarn sind enttäuscht über den Handel mit dem spröden Frankreich; die Polen – einst dynastisch durch die Poniatowskis, musikalisch durch Chopin, diplomatisch mit der Kleinen Entente, vor allem aber vom Gefühl her mit den Franzosen verbunden – sprechen immer seltener Französisch. Mit Moskau kam Mitterrand auch nach fünf Gipfeltreffen nur schleppend ins Gespräch. In der Rangliste der Joint-ventures mit sowjetischen Betrieben rangiert Frankreich weit hinten auf Platz fünfzehn. Einen Milliardenkredit nahmen die Sowjets im letzten Winter peinlich berührt entgegen, offenbar in Sorge, die späte Spende lasse sie als eine Art Brasilien des Ostens erscheinen.

Paris hat Schwierigkeiten im Umgang mit dem Osten. Für Dominique Molsi, stellvertretender Direktor der Pariser Denkfabrik Institut français des relations internationales, ist Frankreichs Ostpolitik "oder besser: sein Mangel an Ostpolitik das unvermeidliche Ergebnis einer Unfähigkeit, zwischen Realpolitik und Emotion zu entscheiden". Seit der Spaltung Europas ist diese Politik ein Kalkül mit drei Konstanten – Washington, Moskau und auch Bonn, das mit seiner eigenen Ostpolitik für die Franzosen ständig an Bedeutung gewann.