Von Willi Winkler

Zwischen seinem dreizehnten und zwanzigsten Lebensjahr wollte sich Graham Greene mit einem stumpfen Messer, mit Tollkirschen, mit Pomade, mit Aspirin, mit einem Schnupfenmittel und sechsmal mit einem Revolver umbringen. Alle Versuche schlugen fehl, es blieb ihm aber die tröstliche Gewißheit, mit 32 eines gewaltsamen Todes zu sterben. "Es ist ein Spiel, das ich nicht verlieren kann", heißt es so romantisch wie sterbenssüchtig im ersten Gedichtband.

Er habe das Leben nie geliebt, sagt Greene, er hat es aber, wenn auch nur ungeduldig, ertragen bis ins hohe Alter. Bevor er sich vor mehr als zwanzig Jahren in Antibes am Mittelmeer niederließ, um dort seine letzten Kräfte im Kampf gegen die ortsübliche Mafia zu verzetteln, war er unser Mann in Liberia, in Mexiko, in Vietnam, in Kuba, in Argentinien. Ihn trieb die leise oder auch laut geäußerte Hoffnung, eines Tages doch noch gewaltsam umzukommen, da das Leben vor Sterbenslangweiligkeit nicht auszuhalten war.

"Unglücklichsein gehört zum Alltag", heißt es in Greenes Autobiographie "Eine Art Leben" (1971), und das Leid der frühen Jahre hat ihn offenbar nie ganz freigegeben. Es begann alles mit der Schule: Er mußte – wie Tausende anderer Jungen, die auf ihre Führungsaufgaben in der britischen Gesellschaft vorbereitet werden sollten – die Geborgenheit des Elternhauses verlassen und im Internat auf jede Individualität verzichten lernen. In seinem Fall bot dieser Werdegang noch eine kleine Variante: Graham Greenes Vater war der Leiter jener Schule, die ihn aus den Familienbanden reißen sollte. Zwangsläufig mußte er so für seine Mitschüler zum Verräter werden; für sie stand er auf der falschen Seite. Der Konflikt gut/böse, mit dem Greene seinen späteren Lesern jenen Kitzel der Transzendenz verschaffte, der im Zeitalter des Existentialismus nicht mehr ohne weiteres zu haben war, stammt also aus Greenes Internatszeit und hat ursprünglich keinen tieferen religiösen Grund.

1926 konvertierte der "dogmatische Atheist" zum katholischen Glauben ("Ich glaube, Du hast erraten, daß ich das scharlachrote Weib umarme", schrieb er verzeihungheischend an seine Mutter), aber das war keine Überzeugungstat: Greene wollte Vivienne Dayrell-Browning von seiner unbedingten Liebe überzeugen. Das katholische Zwangssystem erwies sich erst lange nach Taufe und Eheschließung als idealer ästhetischer Tummelplatz für Greenes Zweifler und Sünder.

Wie aus dem Agnostiker ein Bekenner wurde, wie der Schriftsteller Greene in den Schlafsalen des Internats in Berkhamsted erweckt wurde, das zeichnet eine faktenschwere Biographie nach, die eben in England herausgekommen ist (bei Jonathan Cape in London; £ 16,95). Mehr als 700 Seiten braucht Norman Sherry, um Greenes Leben von 1904 bis 1939 zu dokumentieren; der angekündigte Folgeband über die restlichen fünfzig Jahre dürfte noch umfangreicher ausfallen.

Verglichen mit den Großmeistern Joyce, Nabokov oder Beckett ist Graham Greene sicherlich ein bedeutender Autor anderer Art. Seine Romane sind gar zu problemsuchtig, zu schematisch auf eine Gewissensfrage hin geschrieben. Seine Qualitäten liegen anderswo: Die Bucher des gelernten Journalisten handeln nur von Selbsterlebtem; Greene hatte jeden Schauplatz von Greeneland kreuz und quer bereist. Mag sein, daß es sich bei seinen Geschichten oft nur um katholisch aufgezäumte Abenteuerromane oder bessere Krimis handelt, sie sind jedenfalls erfrischend mitleidlos. (Was vielleicht nur die schlauere Form von Sentimentalität ist.)